Die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) wollen nach ihrer Offensive im Norden des Irak nun auf die Hauptstadt Bagdad vorrücken. "Noch tobt die Schlacht nicht, aber sie wird in Bagdad und Kerbela toben", sagte ein Isis-Sprecher laut dem auf islamistische Internetseiten spezialisierten US-Unternehmen SITE in einer Audiobotschaft. "Legt eure Gürtel an und macht euch bereit". 

Die Isis-Kämpfer sind mittlerweile bis auf gut 100 Kilometer an Bagdad herangerückt. Angesichts des Vormarsches berät das irakische Parlament am heutigen Donnerstag, ob es den Notstand verhängt, wie es Ministerpräsident Nuri al-Maliki fordert. In diesem Fall erhielte der umstrittene schiitische Regierungschef zusätzliche Befugnisse, um die sunnitischen Islamisten zu bekämpfen.

Zudem habe Bagdad Washington um Luftunterstützung bei der Bekämpfung der Extremisten gebeten, bestätigten US-Beamte dem Fernsehsender NBC News. Beim Sender CNN hieß es, die USA schätzten die Lage als äußerst akut ein und überlegten, welche zusätzliche Hilfe geleistet werden könnte. Aus Regierungskreisen hieß es, die Regierung erwäge Drohnen-Einsätze für den Irak. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Al-Maliki hat die US-Regierung in den vergangenen Wochen bereits mehrfach um zusätzliche Hilfen gebeten. Wie die New York Times berichtet, habe die irakische Regierung Luftangriffe auf die Extremisten ins Spiel gebracht. Sie habe gehofft, mit Hilfe der USA Sammelpunkte und Übungsgebiete der Rebellen zu treffen. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass weitere radikale Kämpfer aus Syrien in den Irak gelangen. Eine US-Regierungssprecherin nahm zu den Einzelheiten nicht Stellung.

Schon nach dem Abzug der Amerikaner im Dezember 2011 hatten Gewaltakte zwischen Schiiten und Sunniten zugenommen. Viele Sunniten fühlen sich heute benachteiligt durch die schiitisch dominierte Regierung.

In Samarra Kämpfer abgewehrt

Isis-Kämpfer hatten am Dienstag zunächst die nordirakische Millionenmetropole Mossul nahezu kampflos eingenommen. Im Verlauf des Mittwochs drangen die Isis-Truppen bis Samarra vor, etwa 130 Kilometer nördlich von Bagdad. Unterwegs wurden die Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din erobert. Am Mittwoch brachten die Kämpfer auch Tikrit unter ihre Kontrolle. 

Die Gruppe dominiert mittlerweile mindestens ein Viertel des Landes, zudem konnten die Kämpfer auf ihrem Vormarsch zahlreiche Waffen erbeuten, darunter Militärhubschrauber und Armeefahrzeuge. In mehreren Städten stürmten sie die Gefängnisse und ließen Tausende Gefangene frei. In Banken erbeuteten sie große Mengen Bargeld.

In Samarra konnte die irakische Armee die Isis-Kämpfer Augenzeugen zufolge ein weiteres Mal abwehren. Bereits vergangene Woche hatten sie versucht, die Stadt zu erobern. In Samarra befindet sich das Al-Askari-Mausoleum, eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten. Seine goldene Kuppel wurde Anfang 2006 durch ein Bombenattentat schwer beschädigt, deswegen brach damals der zweijährige Bürgerkrieg aus.

UN-Sicherheitsrat berät über Lage im Irak

In Mossul hatten die Rebellen am Mittwochnachmittag das türkische Konsulat gestürmt und 49 Geiseln genommen. Die Türkei berief den Nato-Rat ein. Mindestens 500.000 Menschen sind seit Dienstag auf der Flucht vor den Extremisten. In Mossul hätten sie ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, teilte die Internationale Organisation für Migration mit. Durch Kämpfe habe es unter der Zivilbevölkerung "eine hohe Zahl von Opfern" gegeben. 

Die Vereinten Nationen haben das Vorgehen der Isis-Kämpfer scharf verurteilt. Sie müssten daran gehindert werden, "den Weg zur Demokratie im Irak zunichte zu machen", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Mittwochabend.  Die Weltgemeinschaft müsse sich zusammenschließen und Solidarität mit dem Irak zeigen, sagte Bans Sprecher. Der UN-Sicherheitsrat will nach Diplomatenangaben am heutigen Donnerstag hinter verschlossenen Türen über die Lage im Irak beraten.  

Deutsche zur Ausreise aufgefordert

Das Auswärtige Amt rief deutsche Staatsbürger zur sofortigen Ausreise aus den irakischen Provinzen Ninive, Anbar und Salah ad-Din auf. Auch in zwei Provinzen im Nordosten sei die Lage "äußerst besorgniserregend". Im gesamten Land bestehe ein hohes Risiko von Entführungen, schrieb das Ministerium weiter.     

Die Isis ist eine der radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Als "Islamischer Staat im Irak und Syrien" kämpft die Gruppe für einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat.