Die Bundesluftwaffe möchte gern ihre Patriot-Raketenstaffeln aus der Türkei zurückziehen. Das sickerte vor wenigen Tagen in Berlin heraus. Nach eineinhalb Jahren im wechselnden Einsatz ermüden die Mannschaften. Auch registrieren die Nato-Staffeln weniger Störungen des türkischen Luftraumes. Man fühlt sich weniger gebraucht. Noch ist nichts beschlossen. Aber die Luftwaffe würde gern bei nächster Gelegenheit abziehen.

Das wäre ein schwerer Fehler.

Viele denken, unter den Nato-Staaten seien die Balten am meisten gefährdet. Tatsächlich ist die Türkei derzeit erster Frontstaat des Bündnisses. Sie ist eingeklemmt zwischen zwei Kriegen, zwischen dem Ukraine-Konflikt und den Schlachten in Syrien und Irak. Im Norden hat Russland mit der Annexion der Krim ganz nebenbei seine Küstenlinie erweitert. Entsprechend dehnt es seinen Anspruch als Vormacht im Schwarzen Meer aus. Im Süden zieht sich über Hunderte von Kilometern ein von Isis beherrschtes Gebiet entlang der Grenze. Die Dschihadisten halten derzeit rund hundert türkische Bürger in Geiselhaft.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte am vergangenen Wochenende den richtigen Augenblick erwischt, um die Türkei zu besuchen. Deutschland und die Türkei führten den zweiten strategischen Dialog unter Vorsitz der Außenminister. Steinmeier und sein Kollege Ahmet Davutoğlu waren alarmiert über das Vordringen von Isis und offenbar einig über die Gegenstrategie. Eine Lösung könne nur von innen kommen, sagte Steinmeier. Die autoritäre Herrschaft des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki gilt als eine der Ursachen des Isis-Erfolgs. "Im Inneren des Irak muss es zu einer Regierung kommen, an der Kurden und Sunniten beteiligt sind." Genau dagegen wehrt sich aber al-Maliki.

Erfreulich war zu hören, dass Davutoğlu es ähnlich sah wie Steinmeier. Denn die Gefahr ist nicht gering, dass die Türkei im Irak ähnliche Fehler macht wie im syrischen Bürgerkrieg in den vergangenen drei Jahren. Einseitige Parteinahme zugunsten sunnitischer Oppositioneller, Sturz des Herrschers um jeden Preis, Duldung des Aufstiegs von Isis. Über türkische Grenzübergänge konnten die Dschihadisten ungehindert nach Syrien reisen. Einige wurden in türkischen Krankenhäusern behandelt, um dann wieder unbehelligt in den Krieg ziehen zu können. Kein Zweifel: Die türkische Regierung hat so ihr eigenes Land gefährdet.

Das aber rechtfertigt keine westliche Haltung mit dem Tenor "Dann seht mal zu, wie ihr damit fertig werdet." Steinmeier signalisierte den Türken, dass sie in den Konflikten nicht allein stünden. Und Davutoğlu bedankte sich ostentativ für den Beistand durch die Patriot-Staffeln. Obwohl Isis die Türkei bisher nicht mit Flugkörpern, sondern eher mit Entführungen, mit möglichen Anschlägen und der Schaffung eines Terrorkalifats bedroht. Dagegen helfen Patriots wenig.

Der Sinn der Raketen-Staffeln liegt anderswo. Sie stehen für die Solidarität im Nato-Bündnis und bedeuten jedem potenziellen Angreifer der Türkei: Er kann es mit der Nato zu tun bekommen. Die Patriots signalisieren auch, dass die Nato-Länder und die Türkei den Zerfall der Staaten Syrien und Irak als gemeinsame Bedrohung sehen. Isis geht uns alle an. Europa wird die Aufnahme weiterer Flüchtlinge nicht allein der Türkei, Libanon und Jordanien überlassen können. Möglicherweise werden einzelne westliche Staaten auch bei der Überwachung der türkischen Grenze nach Syrien/Irak helfen. Es ist jene Grenze, über die deutsche und europäische Dschihadisten in das Isis-Gebiet ein- und ausreisen.

Davutoğlu hat gesagt, die Türkei wolle keinen Beistand der Nato nach Artikel 5. Darin lag die Botschaft verpackt, dass sie diesen Beistand, wenn nötig, auch einfordern könnte. Bevor Ankara Solidarität erzwingt, sollte man lieber freiwillig helfen.