Die USA haben die neue Irak-Krise selbst ausgelöst – Seite 1

Noch vor wenigen Wochen kannte kaum jemand die radikal-islamistische Terrorgruppe Isis, die nun in aller Munde ist: Ihre militärischen Erfolge bringen den Irak an den Rand eines sunnitisch-schiitischen Glaubenskrieges und damit in akute Existenzgefahr.

Hektisch suchen nun die USA wieder einmal nach einer Lösung. Als neue Wunderwaffe schließen sie sogar eine Allianz mit dem Iran nicht mehr grundsätzlich aus. Dabei hat vor allem die verfehlte Politik der Amerikaner die gesamte Region destabilisiert.

Die Irak-Invasion hat eine zerrüttete Gesellschaft samt eines Machtvakuums hinterlassen, das nun nach dem Truppenabzug der USA – alles andere als überraschend – von radikalen Kräften gefüllt wird. Als Premier von amerikanischen Gnaden hat Nuri al-Maliki alles getan, die tiefen Gräben zwischen den Glaubensgruppen weiter zu verschärfen. Die "Iranisierung" des Irak, die er betrieben hat, ist ein Geschenk Amerikas. Auf lange Sicht mag dies als das verstanden werden, was es wirklich ist: das vielleicht größte Eigentor der Gegenwartsgeschichte.

Isis ist nicht zu beschönigen, auch wenn die Gruppe die Speerspitze gegen die Iranisierung des Irak repräsentiert. Washington macht es sich zu einfach, sie als neuen Beelzebub zu deklarieren. Ihren Aufstieg haben die Amerikaner implizit selbst möglich gemacht: Dass Isis von den Saudis mit unterstützt wird, belegt die komplette Kopflosigkeit der amerikanischen Strategie für die Region.

Die neue Krise war also vorhersehbar. Dennoch reagieren die USA wieder einmal reflexartig: mit an Panik grenzendem Aktionismus und variantenreichen Schuldzuweisungen, die vom eigenen Versagen ablenken wollen. Das ist eine fatale Tradition – und einer vermeintlichen Vormacht unwürdig.

Die US-Republikaner mögen sich wenden und drehen, wie sie wollen, und ihrem Lieblingssport nachgehen, Barack Obama als dummen Jungen auszumachen. Der hat alles andere als saubere Hände. In die Geschichtsbücher aber werden die Republikaner und die Bush-II-Regierung eingehen als die Zerstörer einer Jahrtausende währenden, wenn auch stets fragilen regionalen Balance am Persischen Golf. Der Irak hat dort stets eine wichtige Pufferfunktion erfüllt.

Dessen ungeachtet gießen die Republikaner schon wieder fleißig Öl in dieses Feuer. Allen voran schreitet dabei wie immer der martialische US-Senator John McCain, früherer Präsidentschaftskandidat seiner Partei. Der Vietnam-Veteran und ehemalige Kriegsgefangene ist bekannt dafür, zu zündeln, wo er nur kann. Dass er dies tun kann, ohne von der US-Öffentlichkeit oder den US-Medien für seine Sünden der Vergangenheit abgestraft zu werden, belegt wie zerrüttet der demokratische Prozess und das Verantwortungsdenken im heutigen Amerika sind.

Geschichtsblinde US-Außenpolitik

Dabei hätte jedem halbwegs historisch bewanderten Strategen klar sein müssen, zu welchem Pulverfass der Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein werden würde. Das westliche Asien ist seit Jahrhunderten vom ewig schwelenden Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten geprägt, der sich bei jeder Gelegenheit in blutigen Kämpfen entlädt. In dieser hoch explosiven Umgebung diente der Irak seit jeher als Prellbock für die Expansionsgelüste aus beiden Richtungen. Schon lange vor dem Islam, noch zu Römerzeiten, markierte das damalige Mesopotamien die Trennlinie zwischen Ost und West. Diesen wichtigen Puffer haben die Falken der Bush-Regierung in ein Inferno verwandelt – mit ihrem amateurhaften Feldzug, der symptomatisch ist für die geschichtsblinde US-Außenpolitik in der Region.

Im Übrigen offenbart das Irak-Drama einmal mehr die desaströse Rolle der Briten als willfährige Erfüllungsgehilfen der Amerikaner. Immer wieder sucht das postimperiale Großbritannien das Rampenlicht der Weltbühne, meist als Juniorpartner der USA. Zwar gab es im Fall Irak sehr wohl kluge Köpfe im britischen Außenministerium, die die historische Rolle des Landes einzuschätzen wussten und einem Krieg ablehnend gegenüberstanden. Aber offenbar war der damalige Premier Tony Blair, obendrein von religiösem Offenbarungseifer erfasst, zu sehr darauf bedacht, den Amerikanern zu gefallen.

Gefangen in der Herrschaftslogik Washingtons

Dabei wäre es die Aufgabe eines guten Verbündeten gewesen, seine Bedenken laut zu äußern – selbst wenn die USA diese erwartungsgemäß in den Wind geschlagen hätten. Stattdessen war es der deutsche Kanzler Gerhard Schröder, der vor einem "Irak-Abenteuer" warnte und mit seiner Verweigerungshaltung den Zorn der Washingtoner Polit-Elite auf sich zog. Am Ende sollte er Recht behalten – was ihn kurioserweise im Ansehen der Amerikaner nicht gerade steigen ließ.

In der Politik braucht es für Reformen auch gewachsene Einsicht. Manchmal bedarf es für einen Kurswechsel sogar eines Schuldeingeständnisses in eigener Sache. Das neuerliche Säbelrasseln von McCain und Co. aber zeigt, dass die Kriegstreiber von damals nicht nur keine Reue zeigen, sondern sich standhaft der Erkenntnis verweigern, mit der Irak-Invasion einen dramatischen Fehler begangen zu haben.

Es ist ein besonderer Zynismus der Geschichte, dass die mit hehren Friedenszielen für die Region angetretene Obama-Regierung, gefangen in der tönernen Herrschaftslogik Washingtons, nicht die Kraft aufgebracht hat, mit klarem Kopf aus dieser Sackgasse herauszufinden.