Der Tag, an dem Mücella Yapıcı festgenommen wurde, hatte eigentlich gut begonnen für sie, sehr gut sogar. Am Morgen des 8. Juli 2013 erklärte der Istanbuler Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu den Gezi-Park in Istanbul für wiedereröffnet. Das erste Mal, seit die Polizei die Parkbesetzer Mitte Juni vertrieben hatte und die anschließenden Proteste niederschlug. Die Architektin Yapıcı hatte mit ihrer Gruppe "Taksim Solidarität" die Proteste organisiert. Am 8. Juli also wollte sie schauen, was aus dem Gezi-Park geworden war. Doch am Eingang wurden sie und ihre Tochter, ebenfalls Aktivistin, sofort von Polizisten umzingelt.

"Sie sagten, der Zutritt sei verboten, sie zogen meine Tochter an den Haaren und sie verhafteten uns", erinnert sich Yapıcı. Am Abend dieses Tages wollte sie mit ihrer Bürgerinitiative Taksim Solidarität eine Presseerklärung im Park verlesen, doch dazu kam es nicht. Der Park war wieder gesperrt und weitere Mitglieder der Taksim Solidarität wurden festgenommen. Auf der Straße demonstrierten die Menschen erneut gegen die Regierung. Der Tag war zu einem schlechten geworden.

Elf Monate später beginnt am heutigen Donnerstag der Prozess gegen Mücella Yapıcı und ihre Mitstreiter. Sie werden beschuldigt, Gründer einer "kriminellen Vereinigung" zu sein, außerdem sollen sie andere zur Teilnahme an "ungenehmigten Demonstrationen" provoziert haben. Bis zu 15 Jahre Haft drohen ihnen bei Verurteilung. Für die 63-jährige Yapıcı wäre das fast lebenslänglich.

Der Prozess ist das neueste und prominenteste Beispiel für das, was Amnesty International so beschreibt: "Adding injustice to injury" – Zu Verletzungen kommt Ungerechtigkeit. Der türkische Staat geht systematisch vor Gericht gegen die Gezi-Protestierenden vor. Nach Angaben der Menschenrechtsstiftung der Türkei werden über 5.500 Menschen deswegen strafrechtlich verfolgt. 

"Schauprozess"

In der Anklageschrift wird Yapıcıs Bürgerinitiative als "marginal und "separatistisch" bezeichnet; Tweets, Gasmasken und Schwimmbrillen werden als Beweismittel angeführt. Ihr Anwalt Turgut Kazan hält die Anschuldigen für haltlos. "Dieser Prozess ist nur zustande gekommen, weil Ministerpräsident Erdoğan es so wollte", sagt er. John Dalhuisen, Leiter des Europa- und Zentralasien-Programms von Amnesty International, bezeichnet das Gerichtsverfahren als "Schauprozess".

Insgesamt stehen am Donnerstag 26 Menschen vor Gericht. 20 weitere Aktivisten sind angeklagt, weil sie sich "geweigert haben eine ungenehmigte Demonstration aufzulösen", ihnen drohen drei Jahre Haft. Ein weiterer Aktivist  ist angeklagt, weil er Steinschleudern und Murmeln bei sich getragen haben soll, was er bestreitet.

Yapıcıs Bürgerinitiative Taksim Solidarität war anfangs gar nicht darauf aus, die Regierung zu kritisieren.  Die Architektin hat den Zusammenschluss aus über hundert Vereinen, Berufsverbänden und Parteien mitgegründet, ebenso ist sie  Vorsitzende der Arbeitsgruppe Stadtentwicklung der Istanbuler Architektenkammer. "Es ist schon tragisch und komisch, dass auch alle politische Parteien bei uns vertreten sind, bis auf die Regierungspartei und die rechtsextreme MHP", sagt sie.  Seit Jahren setzt sich Yapıcı gegen die aus ihrer Sicht rücksichtslose Stadtentwicklung der AKP ein.  Ein Jahr vor den Protesten sammelte sie mit ihren Kollegen Unterschriften und reichte Klage ein gegen die Bebauung des Gezi-Parks.  Der Klage  wurde schon vergangenes Jahr stattgegeben,  der gesamte Bebauungsplan inzwischen vom Oberverwaltungsgericht für nichtig erklärt. Wenn das alles wäre, könnte es eine Erfolgsgeschichte sein.