Die Nerven von Polens Premierminister liegen blank. "Hinter den Aufnahmen steht eine kriminelle Verschwörung, deren Ziel es ist, den Staat zu destabilisieren. Wir werden alles tun, um die Täter so schnell wie möglich zu fassen", kündigte Donald Tusk am Montag an, nachdem das Wochenmagazin Wprost Ausschnitte eines Gesprächs zwischen Außenminister Radosław Sikorski und dem ehemaligen Finanzminister Jacek Rostowski publiziert hatte.

Anfang vergangener Woche war bekannt geworden, dass hochrangige polnische Politiker seit etwa einem Jahr abgehört wurden. Ausschnitte aus diesen Gesprächen werden nun nach und nach veröffentlicht – und sie erschüttern die Regierung. Denn das, was die Politiker so von sich geben, hat es in sich.

Das Gespräch, das nun den polnischen Außenminister in Bedrängnis bringt, soll laut Wprost Ende Januar oder Anfang Februar stattgefunden haben. Darin ging es um das polnisch-amerikanische Bündnis, das Sikorski als "wertlos" bezeichnete. "Es ist sogar schädlich, da es Polen ein falsches Gefühl von Sicherheit gibt. Völliger Bullshit! Wir bekommen Probleme mit Deutschland, mit Russland und sind der Meinung, dass alles super ist, weil wir den Amerikanern einen geblasen haben. Das ist absolut naiv", sagte der Außenminister.

Kritik an "Negermentalität"

Für die meisten Polen war das ein Schock, denn Sikorski galt bisher als einer der größten Befürworter der proamerikanischen Ausrichtung der polnischen Politik. Die Freundschaft zu den USA spielt in Polen seit Langem eine besondere Rolle. Erst vor drei Wochen wurde sie von US-Präsident Barack Obama erneut bekräftigt, der bei einem Besuch angesichts der Ukraine-Krise versicherte, die USA garantierten Polens Sicherheit.

Nach den nun veröffentlichten Mitschnitten fürchtet man in Polen eine Abkühlung des polnisch-amerikanischen Verhältnisses, zumal Sikorski seinen Landsleuten in dem Gespräch auch vorgehalten hatten, sie legten im Umgang mit den USA eine "Negermentalität" an den Tag.

Generell fürchtet die Regierung, durch die Affäre an Einfluss zu verlieren. In den Verhandlungen über eine Lösung der Ukraine-Krise sei man nun geschwächt, sagte Polens Premierminister Donald Tusk am Montag. Für Sikorski selbst könnten die Mitschnitte das Ende seiner Karriereambitionen bedeuten. Die polnische Regierung hatte ihn als Nachfolger für Catherine Ashton, die EU-Außenbeauftragte, ins Spiel gebracht. Nun wurde bekannt, dass Sikorski in einem der abgehörten Gespräche den britischen Premierminister David Cameron wegen dessen Migrationspolitik mit üblen Worten beschimpfte.

In der polnischen Bevölkerung ist man weniger wegen der Inhalte der Gespräche erschrocken, als wegen des Stils. Journalisten fühlen sich an "Mafia-Sprache" erinnert. Auch der polnische Präsident Bronisław Komorowski zeigte sich erschüttert. "Es hat sich etwas zum Schlechten gewandelt, es ist eine Frage des Generationswechsels", sagte er am Montag. Vor 20 Jahren wären solche Gespräche nicht denkbar gewesen.

Geheimdienste oder Kellner?

Doch abgesehen von der Frage, wie es um die politische Kultur im Land steht, fragt sich nun ganz Polen, wer hinter der Affäre steckt und warum der polnische Geheimdienst nichts davon mitbekam. Zunächst hatte man vermutet, russische Sicherheitsdienste versuchten auf diese Weise, die polnische Regierung zu destabilisieren, die schließlich zu Moskaus härtesten Kritikern zählt.

Dann wurden frustrierte Offiziere der polnischen Sicherheitsdienste verdächtigt. Mittlerweile neigen polnische Medien der These zu, dass es Angestellten von Warschauer Restaurants waren, die die Mikrofone versteckten.

So ist unlängst der Geschäftsführer eines Restaurants verhaftet worden, der nun offiziell beschuldigt wird, Politiker abgehört zu haben. Erwiesen ist auch, dass die Gesprächsmitschnitte aus mindestens zwei Warschauer Restaurants stammen.