Nicht einmal 16 Jahre alt ist das Mädchen, das in einem Friseursalon im nigerianischen Benin City arbeitet, als es von einer ihrer Kundinnen angesprochen wird. Eine charismatische, gut gekleidete Nigerianerin erzählt von den glänzenden Zukunftsperspektiven in Italien und beeindruckt die junge Angestellte mit hohen Trinkgeldern. Berühmte Schauspielerinnen könnte sie dort frisieren oder, wer weiß, sogar selbst eine berühmte Schauspielerin werden.

Eines Tages fragt die Frau M. M., ob sie auch nach Italien gehen wolle. Die illegale Überfahrt könne mit einigem Aufwand organisiert werden. Um das Geld für die Reise, rund 40.000 Euro, brauche sie sich erst mal keine Sorgen zu machen, das könne sie zurückzahlen, sobald sie einen Job in Europa hätte. Mit den guten Gehältern dort könne sie auch ihre Familie besser finanziell unterstützen. Das Mädchen willigt ein.

So oder so ähnlich beginnt die Geschichte Zehntausender Frauen und Mädchen, die dasselbe Schicksal teilen: Aus Nigeria wanderten sie aus in der Hoffnung auf ein besseres Leben, am Ende verkaufen sie ihre Körper gegen ihren Willen auf den Straßen Europas, manche an 30 Freier pro Schicht. Der Fall des Mädchens, von dem nur die Initialen M. M. bekannt sind, wird in einem Bericht der UN dokumentiert.

Die afrikanische Diaspora lässt den Mädchenhandel florieren

Sexuelle Ausbeutung ist eines der lukrativsten Geschäfte für international operierende Verbrecherbanden. Sie machen sich die gewaltige afrikanische Diaspora und die Schutzlosigkeit, gerade von Minderjährigen, zunutze. Deshalb beschäftigen sich mit ihnen auch Institutionen, die zur Erforschung und Bekämpfung des international organisierten Verbrechens eingerichtet wurden, wie das United Nations Interregional Crime and Justice Research Institute (UNICRI) und die Global Initiative against Transnational Organized Crime. In ihren Berichten – der jüngste der Global Initiative erschien im Mai – sind die Gefahren dokumentiert, die den subsaharischen Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa drohen.

In Nigeria ist die Situation besonders dramatisch, es erlebt zurzeit einen Exodus wie kaum ein anderes Land. Mit 177 Millionen Einwohnern und einem rasanten demographischen Wachstum ist Nigeria das mit Abstand bevölkerungsreichste Land in Afrika. Und obwohl es auch eines der reichsten ist, lebt mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung in extremer Armut, von weniger als einem US-Dollar pro Tag, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch.

Dazu kommt der religiös motivierte Terror, den die schwache Regierung nicht bewältigt: Kämpfer der islamistischen Gruppe Boko Haram, die seit April mehr als 200 Schülerinnen gefangen hält, entführten vergangene Woche erneut mehr als 20 junge Frauen, töteten Hunderte Menschen und brannten Kirchen und Moscheen nieder, als sie mehrere Dörfer stürmten.

Elend und Unterdrückung lassen Frauen und Mädchen in Scharen das Land verlassen, Schätzungen gehen von 300.000 pro Jahr aus, im Vergleich zu 700.000 Männern. Sie haben kaum etwas zu verlieren und setzen alle ihre Hoffnungen auf eine Zukunft anderswo. Die UN beziffern die Zahl der Zwangsprostituierten aus Nigeria auf 10.000 allein in Italien. Laut nigerianischen Behörden betreffen 46 Prozent des Menschenhandels aus Nigeria Minderjährige.

Zum Verhängnis wird die Hoffnung auf ein besseres Leben

Was für M. M. folgt, nachdem sie den Versprechungen der unbekannten Frau gefolgt ist, hat System, so zeigt der Bericht Trafficking Nigerian Girls in Italy der UNICRI: Stärker noch als durch die finanzielle Schuld, werden die Mädchen durch eine psychologische Schuld gefügig gemacht: M. M. soll als Sicherheit für die Gläubigerin einen religiösen Schwur auf ihre Ahnen leisten. Wie viele Westafrikaner und weltweit etwa 60 Millionen Menschen, ist sie Anhängerin des Voodoo. Die beiden gehen zu einem Priester, der den Pakt besiegelt, indem er persönliche Gegenstände des Mädchens als Pfand einbehält – Haare, Blut, Fotos. Dieser Pakt hat eine wichtige Funktion für den Mädchenhandel, denn er bindet das Opfer symbolisch körperlich an seine Herrin, die sich fortan "Maman" oder "Madame" nennen lässt.