Die Taktikerin

Zum ersten Mal begegnete ich Merkel 1989 in Moskau. Dort verhandelte Hans-Dietrich Genscher mit den Außenministern der vier ehemaligen Alliierten über die äußeren Bedingungen der deutschen Einheit, am nächsten Tag sollte das 2+4-Abkommen unterzeichnet werden. Für die DDR nahm Ministerpräsident Lothar de Maizière an den Gesprächen teil. Er war gleichzeitig Ostberliner Außenminister, nachdem Markus Meckel von der SPD zurückgetreten war. Merkel war seine Vizeregierungssprecherin.

Abends flachsten wir Journalisten auf einem Empfang in der bundesdeutschen Botschaft über de Maizière und seinen leichten Sprachfehler. Merkel stieß dazu, im  langen Rock und mit Riemchen-Sandalen. Kaum einer kannte sie. Sie hörte den letzten Teil eines Witzes über ihren Chef. Ihr Blick wurde hart und böse. Alle verstummten.

Gelächelt wurde anfangs auch über sie, als sie mit de Maizière nach Bonn kam. Der letzte Vorsitzende der Ost-CDU wurde Minister ohne Geschäftsbereich in der ersten gesamtdeutschen Regierung, Merkel folgte ihm. Helmut Kohl ließ de Maizière bald fallen, als Stasi-Gerüchte über ihn aufkamen. Dafür machte er dessen Zuarbeiterin erst zur Frauen- und Jugend- und später zur Umweltministerin. Fortan galt Merkel als sein "Mädchen". Niemand nahm sie recht ernst, auch in der CDU nicht.

Kohls Schülerin

Kohls Ära ging zu Ende. Gerhard Schröder löste ihn 1998 ab. Die Politik gehörte jetzt harten Jungs, nicht mehr dem Pfälzer Buddha, schon gar nicht einer jungen, unscheinbaren Frau aus dem Osten, die erst durch die Wende eher zufällig in die Politik geraten war. In einer kleinen Journalistenrunde verabschiedete sich Merkel von ihrem Ministeramt. Kühl analysierte sie, weshalb es zur Abwahl der CDU hatte kommen müssen: weil Kohl nicht rechtzeitig habe aufhören wollen.  Aber, so fügte sie hinzu, sie habe von ihrem Förderer viel gelernt: Entscheidend sei in der Politik immer, "was ganz am Ende rauskommt".

Was für sie herauskam, ist bekannt. Auch das kam nicht von selbst. Als die CDU ein Jahr später in Kohls Spendenaffäre schlitterte, setzte sich Merkel in einem Beitrag in der FAZ als Erste vom Übervater der Partei ab. Und als kurz danach auch Wolfgang Schäuble durch die angebliche Geldzahlung eines Waffenhändlers ins Straucheln kam, ging sie auch zum ihm auf Distanz. Dabei hatte sie Schäuble als neuer CDU-Vorsitzender zu seiner Generalsekretärin berufen, für viele überraschend.

Schäuble stürzte. Wenige Tage später war ich mit Merkel zu einem Gespräch für ein Porträt über sie verabredet. Sie empfing mich in der provisorischen Parteizentrale in Berlin, in einem kleinen Raum unterm Dach. Wer denn nun neuer Parteichef werde, wollte ich von ihr wissen. Merkel nahm ihre linke Hand und zählte ab: Friedrich Merz, der gerade als Nachfolger von Schäuble zum Fraktionschef im Bundestag gewählt worden war, müsse sich erst bewähren. Roland Koch, der Mächtigste unter den "Jungen Wilden" der CDU, habe in Hessen selbst eine Spendenaffäre am Hals. Volker Rühe, Ex-Verteidigungsminister und zu der Zeit gerade Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, müsse erst einmal die Landtagswahl gewinnen. Dasselbe gelte für Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen. Und Peter Müller, der sich ebenfalls Hoffnungen machte, komme als Saarländer aus einem zu kleinen Bundesland. "Schau 'n wir mal", sagte sie, als sie die wichtigsten CDU-Männer durch hatte. Und sie selbst? "Ich bin noch jung, ich kann warten", sagte Merkel.

Zwei Monate später war sie CDU-Vorsitzende, von der Parteibasis nach einer Serie von Regionalkonferenzen, die selbst organisiert hatte, als "Retterin" gefeiert. Von den Männern hatte sich keiner getraut, gegen sie anzutreten.

Beinahe ging es schief

Der nächste Streich folgte 2002. Als Parteivorsitzende hatte Merkel eigentlich den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur. Beim berühmten Wolfrathshausener Frühstück überließ sie sie jedoch Edmund Stoiber. Ausgelegt wurde ihr das als Kneifen, als Zeichen, dass ihr der absolute Wille zur Macht fehle.

In Wahrheit dürfte ihr klar gewesen sein, dass es nicht leicht werden würde, gegen Schröder zu gewinnen. Sie hatte nicht viel zu verlieren: Gelänge Stoiber der Wahlsieg, wäre sie die "Königsmacherin" und seine erste Erbin. Verlöre er, wäre der CSU-Chef als Rivale erledigt.

Stoiber verlor, wenn auch knapp. Während die Partei trauerte, griff Merkel erneut beherzt zu. Noch in der Wahlnacht vereinbarte sie mit Stoiber, dass sie Fraktionsvorsitzende und Oppositionsführerin werden sollte. Merz, der selbst Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur gehabt hatte, zog sich grollend zurück.

Merkel, die "Trümmerfrau der CDU", hatte jetzt die beiden wichtigsten Ämter in der Opposition in ihrer Hand. Sie nutzte sie, um ihren nächsten Karrieresprung vorzubereiten. Sie verordnete der Partei ein Modernisierungsprogramm und brachte sie auf Reformkurs. Auf dem Leipziger Parteitag wurde sie dafür 2003 gefeiert.

Schröder rettete Merkel

Doch diesmal ging es beinahe schief. Das Reformprogramm mit den Forderungen nach einer Gesundheitsprämie und einem Dreistufen-Steuersystem erschien den Wählern als allzu neoliberal, die Union mit Merkel an der Spitze verpasste fast den sicher geglaubten Sieg bei der von Schröder initiierten Neuwahl 2005. Der höhnte in der legendären Elefantenrunde am Wahlabend: "Sie werden nie Kanzlerin!" In der Kulisse machten sich die von Merkel ausgebooteten innerparteilichen Konkurrenten bereit, sie beiseite zu schieben.

Aber ausgerechnet Schröders Testosteron-gesteuerte Kampfansage rettete sie. Die CDU-Männer sahen sich dadurch gezwungen, sich hinter sie zu stellen. Merkel wurde Kanzlerin einer großen Koalition und entsorgte ganz rasch ihre Reformversprechen. Sie hatte gelernt. So etwas sollte ihr nie wieder passieren.

Risiken aus dem Weg gehen

Ab da begann die Zeit der neuen, veränderten Merkel. Einer ausgleichenden, vorsichtig abwägenden Taktikerin, die erst einmal schaut, wohin der politische Wind weht, statt selbst die Richtung vorzugeben. Die Risiken aus dem Weg geht und sich stets mehrere Optionen offen hält. Das wird heute als ihr moderner Politik-Stil gefeiert. Aber es hat ihr auch den abschätzigen Ruf eingebracht, keine Führung zu zeigen und ohne klaren Kompass zu regieren.

Doch genau das hat ihr ermöglicht, ihre Macht zu bewahren und zu verteidigen, erst mit der SPD, dann mit der FDP, jetzt wieder mit den Sozialdemokraten, und wenn es sein muss, irgendwann vielleicht auch mit den Grünen. Die CDU hat darüber ihr Profil verloren. Aber sie ist immer noch da.

Und wenn es sein muss, handelt sie immer noch rasch und eiskalt. Norbert Röttgen und Ursula von der Leyen haben das zu spüren bekommen. Röttgen, der sich als ihr Kronprinz sah, warf sie als Minister raus, als er ihr seine Wahlniederlage am Rhein in die Schuhe schieben wollte. Von der Leyen, ebenso ehrgeizig wie die Kanzlerin, hatte sich im Jahr 2010 nach dem Rücktritt von Horst Köhler schon als Bundespräsidentin gefühlt. Doch Merkel machte statt ihr Christian Wulff über Nacht zum Staatsoberhaupt.

Auch das hat Merkel von Kohl gelernt: Gegner klein zu machen, damit sie erst gar nicht zur Gefahr werden. Irgendwann in den nächsten Jahren steht ihr die nächste harte Entscheidung bevor: ihr Amt aufzugeben, bevor jemand anderes sie stürzt. Auch das wird sie kühl kalkulieren. Und wenn es so weit ist, entschlossen handeln.