Politiker, Geistliche, Militärs: Die politische Elite Irans interessiert sich gerade besonders stark für das, was in Wien verhandelt wird. Denn dort entscheidet sich jetzt Irans Zukunft. Der Atomvertrag soll bis zum 20. Juli unterschriftsreif sein, doch es ist jederzeit möglich, dass die Verhandlungen des Iran mit den fünf Vetonationen des Weltsicherheitsrates sowie Deutschland (Fünf plus Eins) scheitern. Am Sonntag reisen die Außenminister der beteiligten Staaten an – ein untrügliches Zeichen, dass die Verhandlungen in die entscheidende Runde gehen.

Das Thema birgt nicht nur Konflikte zwischen den Staaten, auch daheim im Iran wird gestritten. "Wir haben eine einmalige Chance, Geschichte zu schreiben, einen umfassenden Atomvertrag abzuschließen und damit eine unnötige Krise zu beenden, die uns alle abgelenkt hat, unsere gemeinsamen Probleme anzupacken", umwirbt Irans Außenminister Mohammad-Javad Zarif seine Landsleute, in einem Video unterlegt von sanften Klaviertönen und Geräuschen eines plätschernden Brunnens.

Sein Chef, Präsident Hassan Ruhani, sekundiert per Twitter, er habe volles Vertrauen, dass das iranische Verhandlungsteam die legitimen Rechte der Nation schützen werde. Seine Gegner dagegen warnen vor einem "faulen Kompromiss", befürchten einen Ausverkauf iranischer Interessen und organisieren Kampagnen mit dem Motto "Wir sind beunruhigt".

Außenpolitik ist Innenpolitik – mit diesem Leitmotiv hatte Ruhani vor einem Jahr um die Wähler geworben und auf Anhieb alle Hardliner-Konkurrenten mit absoluter Mehrheit aus dem Feld geschlagen. Durch eine Einigung im Atomstreit will der Präsident die erdrückenden Sanktionen abschütteln und so die Wirtschaftskrise bekämpfen. 

Kampf gegen die Liberalisierung

Eine Rekordinflation, wenn auch in den zurückliegenden zwölf Monaten etwas abgeflacht, plagt die 76 Millionen Bürger. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent. Der Ölboykott des Westens und die Abkoppelung Irans vom internationalen Bankensystem lasten auf dem Land. 100 Milliarden Dollar Öleinnahmen sind im Ausland blockiert. Sollte dieses Geld in absehbarer Zeit zugänglich für den Iran sein, könnte es einen Investitionsboom auslösen. Viele Vertreter ausländischer Konzerne jedenfalls haben in den letzten Monaten den Iran besucht.   

Gleichzeitig hofft Irans Präsident, das gesellschaftliche Leben in seiner Heimat durch ein Ende der internationalen Isolation liberalisieren zu können. Auch deshalb wehren sich seine konservativen Gegner in Justiz, politischem Klerus und revolutionären Garden gegen das Atomabkommen. So kämpfen sie weiter unerbittlich gegen Reformkräfte, Medienleute und Wissenschaftler. Zahlreiche liberale Zeitungen wurden verboten, Dutzende Journalisten festgenommen.

Kürzlich erhielt eine junge Kulturreporterin zwei Jahre Haft und 50 Peitschenhiebe. Das Gericht warf ihr vor, sie habe mit der BBC zusammengearbeitet, "Propaganda verbreitet" und "die öffentliche Ordnung gestört". Das Internet bleibt ebenfalls streng zensiert, Twitter und Facebook sowie fast alle ausländischen Medien-Websites sind blockiert, obwohl Präsident Ruhani und sein gesamtes Kabinett regelmäßig twittern.