Eine Eins-zu-sieben-Niederlage? Das war wieder ein richtig brasilianischer Moment. Brasilianer beschäftigen sich tief und lange mit großen, historischen Niederlagen. Ob Maracanaço 1950 gegen Uruguay oder Mineiraço 2014 gegen Deutschland: Solche Fußballunglücke werden hierzulande nach den Stadien benannt und jahrelang seziert, im Fernsehen wiederholt, in Buchform veröffentlicht, in den Schulen in Erinnerung gerufen, und nicht zuletzt als metaphorische Aussage über die ganze Nation überhöht. Über ihre unzähligen Erfolge, im Fußball und in allen erdenklichen anderen Bereichen, reden Brasilianer viel weniger als über ihre geliebten Katastrophen.

Seit gestern Nacht stehen wir Brasilien-Korrespondenten unter E-Mail- und Telefonbeschuss: Was bedeutet die Niederlage jetzt für das Land? Wie wird sie sich auf die Politik auswirken? Was ist jetzt mit der Präsidentin Dilma Rousseff, deren Chancen auf eine Wiederwahl im Oktober zwar noch gut sind, für die die Unterstützung in den vergangenen Monaten aber abnahm?

Eine genaue Antwort wissen auch die fast 200 Millionen Brasilianer noch nicht, die heute Morgen im Fußballschock aus den Federn kriechen. Drei Entwicklungen werden darüber entscheiden.

Erstens: Seit Beginn der Copa hing ein Zauber über diesem Land, eine Fußballverzückung, die fast an die großen alten Tage vor den Massendemos und dem neuen demokratischen Erwachen heranreichte. Sie war vor allem mediengemacht, weil das O-Globo-Netzwerk und viele andere Fußballeuphorie verbreiteten und kritische Bilder weiträumig ausblendeten. Es traf wohl auch einen Wunsch vieler Menschen, endlich mal Pause zu machen mit dem Meckern und wieder zu feiern, kollektiv patriotisch, das eigene Team und sich selber als große Gastgeber. Das ist mit der Niederlage jetzt vorbei. Abzuwarten, wie enthusiastisch Brasilien am Ende beim Spiel um den dritten Platz mitfeiert, und ob man sich darauf einigt, wenigstens der Welt gezeigt zu haben, dass man ein sportlicher Verlierer und großartiger Gastgeber sein kann.

Die Fehlberechnung des Populisten

Zweitens: Möglich, dass jetzt die Straßenproteste – die nie ganz abgeklungen waren, nur kleiner und von den brasilianischen Medien weitgehend ignoriert wurden – wieder aufflammen. Typischer Zuschauerkommentar gestern: "Und dafür haben wir jetzt all dieses Geld herausgeworfen?" Vielleicht aber auch nicht, weil alle niedergeschlagen sind und mit der WM im Guten wie im Schlechten nichts mehr zu tun haben wollen. Aber die Memes und Slogans aus den Protesten, von den viel zu teuren Stadien und den korrupten Politikern, die den Willen des Volkes missachten, die bleiben. Gleich nach der WM beginnt ja der Wahlkampf in Brasilien! Diese Botschaften werden von den Kanzeln herabgepredigt (gestern Nacht schimpfte der Chef einer der einflussreichsten evangelikalen Kirchen im Land, dass all das Geld für die WM nie mehr zurückzuholen sei), von den konservativen Oppositionspolitikern begeistert aufgenommen, gegen die aktuelle Regierung und ihre Präsidentin Dilma Rousseff gerichtet. Die Kalkulation des Dilma-Vorgängers und -förderers Lula da Silva, der die WM ins Land geholt hatte – des großen Populisten, der sein Volk dieses eine Mal völlig missverstand – erweist sich nun endgültig als riesige Fehlberechnung.