Diese Kolumne geht nach zwei Jahren bald zu Ende. In den letzten Folgen möchte ich für alle, die nicht aufgepasst haben, die Top vier der Dinge, die ich den Deutschen ans Herz lege, noch einmal erklären. Diese Woche Teil 3: Lernt kritisch denken!

Wir alle haben unsere Illusionen. Die Franzosen glauben, sie produzierten gute Filme. Die Engländer glauben, sie hätten genauso viel zu melden wie damals, als sie noch Weltreich waren. Wir Amis glauben neuerdings, wir könnten Fußball spielen. Die Deutschen pflegen eine ganz besondere Illusion: Sie glauben, sie dächten kritisch.

Dieser nationale Mythos drückt sich in einer Vielzahl von Klischees aus: Der Deutsche differenziert. Er denkt nicht in Schwarz/Weiß-Schablonen oder gar in Schubladen. Er pauschalisiert nicht. Der Deutsche sucht nach Hintergründen. Sprüche, mit denen der Deutsche seine überlegene Fähigkeit zum kritischen Denken reflektiert, gibt es wie Sand am Meer. Die Deutschen sind aber offenbar so sehr davon überzeugt, kritisch zu denken, dass sie nicht mehr in der Lage sind, kritisch darüber nachzudenken, ob das wirklich stimmt.

Das Gegenteil ist der Fall: Ich kenne heute kein Volk, das so sehr in Schubladen denkt – meist auch in uralten Schubladen – wie das deutsche. Die Linken haben ganz klare Positionen, die meist vor einem Jahrhundert festgelegt wurden und nicht mehr hinterfragt werden, und die Konservativen auch. Die Linken kritisieren die Rechten, die Rechten kritisieren die Linken, aber keiner denkt kritisch über die eigene Position nach. Es sei denn, er will nicht mehr eingeladen werden.

Der politische Dialog ist heute eine vorhersehbare Folge populistischer Klischees, die auf Facebook, Stammtischen und in Politsendungen vorgetragen, aber nie hinterfragt wird. Als Faustregel gilt: Wenn ein Thema besonders hysterisch besprochen wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um Blödsinn handelt.

Nehmen wir die fast flächendeckende Ablehnung von "Chlorhühnchen". Was ein Chlorhuhn ist, kann mir keiner sagen, auch nicht, warum Chlor schlecht sein soll, wenn ich doch bei jedem Besuch eines öffentlichen Schwimmbades massenweise Chlor schlucke. Oder genmanipulierte Lebensmittel. Wenn ich heute einen aufgeregten Artikel gegen Genfood lese, schaue ich nach, wo und was die darin zitierten Experten studiert haben. Nur einmal habe ich unter den vermeintlichen Experten einen echten Biologen gefunden. Obwohl es kaum noch Biologen gibt, die etwas gegen Genfood haben, hinterfragt niemand in Deutschland die öffentliche Meinung.

Die Liste beliebter Klischees, die man traditionell nicht infrage stellt, ist lang: Deutschland ist schon wieder Opfer ausländischer Kräfte (heute liefern TTIP und NSA die notwendigen Beweise, morgen sind es andere); Deutschland ist anderen Ländern kulturell überlegen – der Beweis: jedes Dorf hat ein Sinfonieorchester; in Deutschland hat die Aufklärung gesiegt, weil niemand mehr in die Kirche geht ... aber dass der Staat Kirchensteuer erhebt, dass Religion in staatlichen Schulen unterrichtet wird und Kirchenvertreter in den Rundfunkräten sitzen – das ist doch Tradition!

Ein Großteil der deutschen Vorstellung von der Welt ist geprägt von solchen zutiefst fragwürdigen Klischees, die nicht mehr vom Sockel zu stoßen sind. Soziologisch gesehen gibt es natürlich gute Gründe dafür: Konformität nennt man das Bedürfnis, sich den gesellschaftlichen Normen und weit verbreiteten Meinungen anzupassen.