Wenn sich Angela Merkel und ihre Kollegen an diesem Mittwochabend in Brüssel treffen, geht es vordergründig nur um ein paar Namen. Noch dazu solche, die vielen Menschen in Europa wenig sagen. Wer wird neuer Außenminister der EU? Wer führt demnächst den Europäischen Rat? Und wer die Eurogruppe? Das sind die Fragen, die die 28 Staats- und Regierungschefs beim Abendessen besprechen und im besten Fall auch beantworten werden. Doch was einfach und wenig bedeutsam klingt, ist in Wahrheit ziemlich kompliziert. Und wichtig.

Denn die europäische Personalpolitik gleicht einem Mobile: Beginnt ein Teil zu wackeln, wackelt die ganze Konstruktion. Es geht um Balance, um Macht und Einfluss, um Ansprüche und Interessen. Und nicht zuletzt um das Bild, das die Europäische Union von sich selbst entwirft. Nirgends lassen sich schließlich Selbstverständnis und Ambitionen in der Politik so gut ablesen wie am Personal. Das wird besonders deutlich mit dem Blick auf den oder die künftige Außenbeauftragte(n) der EU.

Den Job gibt es in seinem heutigen Zuschnitt erst seit ein paar Jahren; 2009 wurde er zusammen mit dem Auswärtigen Dienst der Europäischen Union geschaffen. Offiziell heißt der EU-Außenminister Hoher Beauftragter für Außen- und Sicherheitspolitik, im Brüsseler Jargon "High Rep" (für High Representative) abgekürzt. Der merkwürdige Titel spiegelt eine konstitutive Unentschlossenheit: Einerseits gilt die Außenpolitik als ein Feld, auf dem die Europäer gemeinsam viel erreichen könnten. Andererseits pochen die Mitgliedsstaaten hier noch mehr als in anderen Domänen auf ihre nationale Souveränität.

Die bisherige Außenbeauftragte, die Britin Catherine Ashton, war gänzlich unerfahren und weithin unbekannt, als sie vor fünf Jahren von den Regierungschefs ernannt wurde. Keine starke Person, sondern eine Frau und Sozialdemokratin – das waren damals die Kriterien. Ashton hat sich zwar den ein oder anderen Verdienst erworben; sie führt etwa die laufenden Atomverhandlungen mit dem Iran. Aber es ist ihr nicht gelungen, der europäischen Außenpolitik ein eigenes Profil und Gewicht zu verleihen. Kritiker nennen sie eine Fehlbesetzung.

Frau und Sozialdemokratin

Trotzdem sieht es so aus, als könnte die EU den Fehler, mit einer Unbekannten in der Welt aufzutreten, wiederholen. Italiens Regierungschef Matteo Renzi hat seine Außenministerin Federica Mogherini vorgeschlagen. Die ist zwar erst seit knapp fünf Monaten im Amt, dennoch gilt sie als aussichtsreichste Kandidatin für den europäischen Top-Job. Renzi gehört zu den Gewinnern der Europawahl, der Sozialdemokrat erhebt deshalb lautstark den Anspruch, in Brüssel mitzureden. Nur was Mogherini als europäische Außenministerin qualifizieren würde, hat Renzi bislang verschwiegen. Sie ist halt Frau und Sozialdemokratin wie Ashton.

Die Personalie ist doppelt kompliziert, weil die Außenbeauftragte gleichzeitig dem Rat und der EU-Kommission angehört. Der am Dienstag neu gewählte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat deshalb ein Wort mitzureden, und auch das EU-Parlament muss am Ende zustimmen.

Juncker hat nach seiner Wahl betont, dass der neue Außenbeauftragte "stark und erfahren" sein müsse; mindestens das zweite Kriterium trifft auch Mogherini nicht zu. Nicht wenige Abgeordnete stören sich daran, dass die Italienerin Russland gegenüber bislang zu sanft aufgetreten sei. Auch aus Polen und den baltischen Staaten kommt deshalb Widerstand. Umgekehrt trifft der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski, ein anderer möglicher Kandidat, im Süden Europas auf Vorbehalte, weil er Russland gegenüber zu unversöhnlich auftrete.