Die ukrainische Armee hat ihre Großoffensive auf die Großstädte Donezk und Luhansk begonnen. Kurz zuvor hatte Präsident Petro Poroschenko noch die Einnahme von Slowjansk im Kampfanzug gefeiert. Doch was auf den ersten Blick wie ein Erfolg der ukrainischen Streitkräfte aussieht, dürfte am Ende eine Falle der Separatisten sein. Es ist höchste Zeit, dass die ukrainische Regierung über rein militärische Lösungen hinausdenkt. Und dass Europa Kiew dabei hilft. 

Tatsächlich läuft einiges schief für die von Russen geführten Separatisten. Die ukrainische Armee hat an Professionalität und Schlagkraft gewonnen. Auch an Selbstbewusstsein, wozu Poroschenko beigetragen hat. So selbstbewusst, dass sie jetzt Donezk angreift. Russlands Präsident Putin hat den Separatisten Hilfe zukommen lassen, er duldet weiterhin ihre Versorgung über die Grenze. Aber Putin könnte mehr tun, und die Separatisten merken das. Deshalb haben sie nun die Front verkürzt.

Sie haben sich in der Millionenstadt Donezk eingegraben. In den letzten Tagen haben sie Keller zum Schutz, Dächer für Scharfschützenstellungen, Höfe für den Hinterhalt ausgebaut. Nichts eignet sich für die Verteidigung im Krieg besser als so eine richtig schön vollgestopfte Millionenstadt, in der die Haubitzen neben dem Kinderheim und die Mörsertrupps auf dem Krankenhaus Stellung beziehen. Die Menschen werden zu Barrikaden, das ist das zynische Kalkül der Separatisten.

Beispiele dafür gibt es zuhauf. Man denke nur an die bosnischen Serben, die sich 1992 im Sarajevoer Stadtteil Grbavica eingruben. Oder an die hilflosen US-Marines, die sich 1993 gegen somalische Milizen in den Straßen von Mogadischu verkämpften. Oder an die Truppen in Aleppo, die eine der schönsten Städte der Welt zerstört haben. Der Stadtdschungelkampf dauert, und er ist kaum zu gewinnen.

Die entscheidende Schlacht findet in Kiew statt

Die Separatisten stellen die ukrainische Armee vor die Wahl: ihre Herrschaft zu dulden oder einen Krieg gegen eben jene Zivilbevölkerung zu führen, die sie eigentlich befreien wollen. Die ukrainische Regierung hat sich für den Angriff entschieden. Aber einen mit angezogener Handbremse: Luftwaffe und schwere Artillerie sollen nicht zum Einsatz kommen. Hoffentlich. Auf die Schnelle wird die Millionenstadt Donezk nicht eingenommen werden. Der Feldzug kann in einem blutigen, monatelangen Häuserkampf enden. Die Risiken sind hoch. 

Dabei gibt es ein Mittel, das besser wirkt als Häuserkampf. Gezielte Störungen des Nachschubs und der Versorgung könnten den von Russen geführten Milizen die Herrschaft erschweren. Das ukrainische Militär sollte seine Kräfte lieber auf die wenig bevölkerten Grenzregionen konzentrieren, um die Versorgung aus Russland unterbinden. Gefragt sind keine militärischen Verzweiflungstaten, sondern intelligente Sanktionen, um die Handlungsoptionen, das Ansehen und die Organisation der Milizen zu schwächen. Eindämmung wäre besser als ein Krieg in den Gassen von Donezk.

Die entscheidende Schlacht um die Ukraine findet ohnehin in Kiew statt: der Umbau des ukrainischen Staates und der Wirtschaft. Der Aufstand gegen den gestürzten Präsidenten Janukowitsch war ja vor allem ein Aufbegehren gegen Korruption und einen verfaulten, kaputten Staat, der seinen Beamten diente, nicht dem Volk. Über den Krieg im Osten geraten in Kiew die nötigen Reformen aus dem Blick. Sie aber sind für die Ukraine überlebenswichtiger als Donezk. Je schneller der ukrainische Präsident Reformen einleitet, die aus einem Staat gegen die Bürger eine Verwaltung für die Bürger machen, desto attraktiver wird Kiew wirken. Auch im Osten.

Leider hilft die EU der Ukraine zu wenig. Die Ukraine braucht mehr EU-Geld für den Umbau von Staat und Wirtschaft. Sie braucht Berater der europäischen Ländern, die erfolgreich ihre Verwaltungen reformiert haben. Sie braucht ständige Solidaritätsbekundungen europäischer Besucher. Erstaunlich, dass sich so wenige Regierungschefs der EU-Länder nach der Wahl Poroschenkos auf den Weg nach Kiew gemacht haben. Auch Angela Merkel hat man bisher schmerzlich vermisst.