Sechs Mal hat er die gleiche Nummer gewählt. Sechs Mal die gleichen vertröstenden Worte gehört. "Wir rufen sie zurück", "Wir kümmern uns", "Wir melden uns". Sleman glaubt nicht mehr daran. Er bat einen Freund mit einem jüdischen Namen, nicht mit einem arabischen wie dem seinen, bei der zuständigen Behörde anzurufen. Danach zu fragen, warum es keine Luftschutzbunker gibt in der Negev-Wüste, keine Sirenen die vor den Angriffen und den Raketen aus dem Gaza-Streifen warnen, keinen Schutz durch das Abwehrsystem Eiserne Kuppel. Der jüdische Freund wurde zurückgerufen, wurde beraten wie er Schutz suchen kann, beruhigt, umsorgt. "Wir sind Bürger zweiter Klasse, die Regierung interessiert sich nicht für uns", sagt Sleman. Er wartet immer noch auf einen Rückruf.

"Wir hatten keine Angst, bis eine Rakete im Nachbardorf einschlug", sagt Sleman. Der 29-Jährige sitzt auf dem Boden in seinem sandfarbenen Haus in der Wüste. Draußen brennt die Sonne. 40 Grad. Drinnen baumelt eine kleine Palästina-Fahne an der Klimaanlage, die das einstöckige Haus auf 20 Grad kühlt. Der 29-Jährige ist Beduine, seine Familie gehört zum Azbarga-Stamm, einem der größten in der Wüste Negev. Hier ist er geboren, hier will er heiraten, seine Kinder großziehen, hier will er sterben. Die Negev bedeutet ihm alles, sie ist sein Leben, sagt er. Lächelt und serviert Tee, den er selbst nicht trinkt. Es ist Ramadan, Fastenzeit.

Etwa 220.000 Beduinen wohnen in der Negev, einer Steinwüste, die knapp die Hälfte Israels einnimmt. 100.000 von ihnen leben in 35 Dörfern, die von der israelischen Regierung nicht anerkannt werden. Die Strom- und Wasserversorgung ist dort nicht immer gewährleistet, öffentliche Verkehrsmittel halten irgendwo an der Landstraße, weit von den Dörfern entfernt, selten gibt es Schulen. Wenn die Beduinen richtige Häuser bauen, keine Wellblechhütten oder Zelte, sind diese von der Zerstörung durch die Armee bedroht. 

Keine Luftschutzbunker für Beduinen

2011 wurde vom israelischen Parlament der sogenannte Prawer-Plan verabschiedet. Er sieht vor, 40.000 Beduinen umzusiedeln in größere Städte der Negev-Wüste. So werden 700 Quadratkilometer Land konfisziert, um jüdische Städte anzusiedeln. Laut Israels Regierung soll damit der Status der Beduinen im Negev verbessert, und ihre Integration in die israelische Gesellschaft vorangetrieben werden. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und die UNO finden, dass der Plan die Menschenrechte der Beduinen verletzt, die einst Nomaden waren, umherzogen und frei waren. Frei sind sie schon lange nicht mehr, sagt Sleman. Seine Familie besaß einst viel mehr Land. Nach und nach wurde sie enteignet, darf nur noch auf einem kleinen Teil davon leben und Äcker bewirtschaften.

Und jetzt bekommen sie keine Warnung, keinen Schutz vor den Raketen, die Hamas-Extremisten aus dem Gazastreifen in Richtung Israel schicken. Doch was sollten selbst Sirenen schon bringen, fragt Sleman. Sie hätten dem 32-jährigen Oudi Lafi al-Waj im Nachbarort auch nicht geholfen. Er starb diese Woche durch einen Raketeneinschlag in seinem Haus. Wo soll man hin, wenn es keine Luftschutzbunker gibt, keine Safe-Rooms, keinen Schutz durch das Raketenabwehrsystem wie in den jüdischen Städten, fragt Sleman.

"Wir sind Bürger Israels wenn wir tot sind, wenn wir Schutz und Rechte brauchen, sind wir keine", sagt Fadi Msamra, Vorsitzender der NGO Regional Council for Unrecognized Villages in Beersheva. Er setzt sich für die Rechte der Beduinen ein, für das Recht in der Negev-Wüste zu leben, Häuser zu bauen. Msamra ist wütend. Gemeinsam mit Vertretern anderer NGOs hat er eine Petition bei der Regierung eingereicht, die mobile Luftschutzbunker für die Beduinen fordert. Die Petition wurde abgelehnt.