Mit jedem Tag eskaliert die Lage im Gazastreifen derzeit weiter. Israel hat angekündigt, seine Bodenoffensive fortzuführen, um gegen Führungspersonal, Raketenstellungen und Tunnel der Hamas und anderer militanter Gruppen vorzugehen und sie in die Knie zu zwingen. Die Hamas dürfte weiter ihr ganzes Arsenal aufbieten, um Standhaftigkeit zu demonstrieren und die eigene Position zu verbessern. Dennoch ist eine Waffenruhe im aktuellen Nahost-Krieg prinzipiell möglich. Denn beide Seiten haben eigentlich ein Interesse daran. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren längst eine Dramaturgie aus Eskalation und Deeskalation verfestigt, die zu durchbrechen deutlich schwerer ist.

Beide Konfliktparteien würden kurzfristig von einer Waffenruhe profitieren. Die Hamas-Führung will, dass die Blockade des Gazastreifens aufgehoben oder zumindest abgemildert wird. Sie leidet zudem darunter, regional und international weitgehend isoliert zu sein. Außerdem fordert sie, dass diejenigen wieder freigelassen werden, die bei einem Gefangenenaustausch 2011 freikamen, aber in den letzten Wochen wieder verhaftet worden sind. Ebenso geht es ihr darum, die Gehälter der Angestellten im öffentlichen Dienst wieder auszahlen zu können, deren Überweisung Israel bislang verhindert hat. Dass die Hamas Willens und in der Lage ist, eine solche Waffenruhe selbst einzuhalten und auch den Raketenbeschuss durch andere Gruppierungen weitestgehend zu unterbinden, hat sie in der Vergangenheit mehrmals unter Beweis gestellt.

Auf der anderen Seite hat Israel kein Interesse daran, Hamas regierungsunfähig zu machen oder gar zu zerschlagen – selbst, wenn einige Hardliner in der Regierungskoalition das fordern. Davon abgesehen, dass es kaum möglich ist, eine Organisation mit einer solch breiten Basis in der Bevölkerung zu beseitigen, dürften sich im folgenden Chaos nicht etwa moderatere, kooperationsbereite Kräfte durchsetzen, sondern eher die noch radikaleren.

Auch will Premierminister Benjamin Netanjahu den Gazastreifen nicht wieder dauerhaft besetzen, sondern die Truppen möglichst schnell abziehen. Denn die dort stationierten Soldaten wären nicht nur Anschlägen und Entführungsversuchen ausgesetzt. Israel müsste auch wieder direkt Verantwortung für die rund 1,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Küstenstreifens übernehmen und könnte nicht länger für sich reklamieren, die Besatzung mit seinem Abzug 2005 beendet zu haben. Völkerrechtlich fragwürdig ist diese Behauptung ohnehin, da Israel – abgesehen von der Grenze zu Ägypten – nach wie vor alle Land- und Seegrenzen des Gebiets kontrolliert.

Noch ist keineswegs gewiss, dass die Vermittler rund um die ägyptische Führung bald eine Waffenruhe erreichen können. Selbst wenn, würde das für eine dauerhafte Stabilisierung nicht ausreichen. Es würde sich vielmehr in die eingespielte Dramaturgie des Konflikts einfügen. Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen im und um den Gaza-Streifen (2006, 2008/2009, 2012 und nun 2014) hat sich seit dem israelischen Abzug ein Muster etabliert: Israels Militär greift immer wieder ein, um, wie es führende israelische Strategen ausdrücken, "das Gras zu mähen", also die Waffenarsenale und das Führungspersonal der militanten Gruppierungen im Gazastreifen zu dezimieren. Diese wiederum nutzen die Ruhepausen zwischen den Bombardierungen, um neue Waffen zu beschaffen beziehungsweise herzustellen. Auf beiden Seiten leidet vor allem die Zivilbevölkerung, wenngleich auch mit deutlich höheren Opferzahlen unter den Palästinensern.