Das erste Opfer des Flugzeugabsturzes in der Ostukraine ist identifiziert worden. Wie niederländische Medien unter Berufung auf die Regierung berichten, handelt es sich um einen Niederländer. Die Angehörigen und der Bürgermeister der Heimatgemeinde seien informiert worden. Mehr als 200 Experten untersuchen derzeit die Leichen aus der abgeschossenen malaysischen Passagiermaschine in einer Kaserne in Hilversum.

227 Särge mit Leichenteilen sind aus der Ostukraine nach Hilversum übergeführt worden. Um wie viele der 298 Opfer es dabei geht, ist nicht klar. Erst beim Öffnen der Leichensäcke werden Gerichtsmediziner das feststellen können.

Die niederländische Regierung rechnet damit, dass sich an der Absturzstelle noch weitere Opfer befinden. Um ihre Bergung zu ermöglichen, trafen am Samstag in Charkiw 40 unbewaffnete niederländische Militärpolizisten ein.

Zur Untersuchung des mutmaßlichen Abschusses der Boeing 777-200 entsendet Russland vier Luftverkehrsexperten. Die Gruppe werde an den internationalen Ermittlungen zur Ursache beteiligt, teilte das Verkehrsministerium mit. Bisher hat sich zu dem mutmaßlichen Abschuss niemand bekannt. Die USA und die Ukraine beschuldigen die prorussischen Separatisten im Osten des Landes.

Unbewaffnete niederländische und australische Polizisten haben einen geplanten Besuch an der Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeugs aus Sicherheitsgründen abgesagt. "Vor Ort wird weiter gekämpft, wir können das Risiko nicht eingehen", sagte der stellvertretende Leiter der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Schweizer Alexander Hug. Die Sicherheitslage sei "inakzeptabel für unsere unbewaffnete Beobachtermission".

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete von Artilleriefeuer nahe dem bislang von prorussischen Separatisten kontrollierten Absturzort. In der Gegend stieg schwarzer Rauch auf, Menschen flohen vor den Gefechten.

In Donezk ist nach einer vergleichsweise ruhigen Nacht nach Behördenangaben wieder Gefechtslärm zu hören. Regierungstruppen versuchen, gegen die Stellungen von prorussischen Separatisten vorzudringen. Das Verteidigungsministerium prüft derzeit Berichte, wonach Dutzende Soldaten nach Russland desertiert seien. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB behauptet, dass sich erneut rund 40 Soldaten abgesetzt hätten.

EU spricht Einreiseverbote aus

Die Europäische Union verbot den Spitzen des Moskauer Sicherheitsapparates die Einreise. Die Leiter der Inlands- und Auslandsgeheimdienste, Alexander Bortnikow und Michail Fradkow, sowie Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew kamen auf die Sanktionsliste. Eventuelle Konten in der EU werden gesperrt. Auch Organisationen der prorussischen Aufständischen in der Ostukraine werden mit Sanktionen belegt.

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy bat die 28 Staats- und Regierungschefs der EU um rasche Zustimmung zu neuen Wirtschaftssanktionen. Die Regierungschefs sollten ihre EU-Botschafter anweisen, am Dienstag die geplanten Maßnahmen zu billigen. Damit soll ein weiterer EU-Sondergipfel vermieden werden.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) plädierte im Deutschlandfunk für ein "ausgewogenes" Paket möglicher Sanktionen: "Wenn es negative Folgen gibt, dann müssen sie auch in Europa insgesamt getragen werden." Rüstungswirtschaft, Finanzwirtschaft, Hochtechnologie und vieles andere seien gleichermaßen betroffen. Mit Blick auf Frankreichs Rüstungsgeschäfte sagte Steinmeier, es gebe auch einige andere europäische Staaten, die in ähnlicher Art und Weise rüstungswirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland nach wie vor betrieben und sich gern hinter dem französischen Beispiel versteckten. "Wenn man es ernst meint, dann jedenfalls kann die Rüstungswirtschaft bei zukünftigen Sanktionsbeschlüssen nicht ausgenommen bleiben."

Schäuble nennt Wirtschaftsinteressen "nachrangig"

Nach Ansicht von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sind wirtschaftliche Interessen Deutschlands in dem Konflikt mit Russland nachrangig. "Oberste Priorität hat die Wahrung von Stabilität und Frieden", sagte Schäuble der Bild am Sonntag. Würden er oder sein Kabinettskollege Gabriel warnen, dass Sanktionen den Wirtschaftsinteressen schadeten, wäre sie die falschen Minister. "Niemand in Moskau darf den Eindruck gewinnen, Russland könne mit seinem Vorgehen am Ende erfolgreich sein." Nach Ansicht Schäubles zeigen die bereits verhängten Sanktionen Wirkung: "Tatsache ist: Der Rubel verliert an Wert, das Haushaltsdefizit Russlands steigt, die wirtschaftliche Entwicklung ist schlecht. Das sieht auch der russische Präsident."

EU-Sanktionen sollten vor allem die russischen Oligarchen treffen, sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dem Spiegel. Die Oligarchen seien die Grundpfeiler der russischen Politik: "Wir müssen ihre Konten in den europäischen Hauptstädten einfrieren und ihre Einreiseerlaubnisse widerrufen."

Der Bundesnachrichtendienst (BND) sieht vor dem Hintergrund der Sanktionen gegen Russland Anzeichen für ein Machtgerangel in der Moskauer Führung, berichtet der Spiegel. Von "Brüchen im Machtblock von Präsident Wladimir Putin" sprach demnach BND-Chef Gerhard Schindler in einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag und in der wöchentlichen Lagebesprechung im Kanzleramt. Es sei durchaus möglich, dass einige der wegen der EU-Sanktionen besorgten Oligarchen bald wirtschaftliche über politische Interessen stellten und Putin zu bremsen versuchten.

Britischer Vizepremier will keine WM in Russland

Wegen der Ukraine-Krise will der stellvertretende britische Premierminister Nick Clegg Russland die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2018 entziehen. Wenn Wladimir Putin sein "feindseliges Verhalten" fortsetze, dürfe ihm nicht gestattet werden, sein Renommee mit dem Großereignis aufzupolieren, sagte Clegg der Sunday Times. "Nach diesem schrecklichen, schrecklichen Abschuss dieses Flugzeugs ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die Europäische Union gegenüber Wladimir Putin hart zeigt." Nötig seien härtere Sanktionen gegen Russland.