"Auch nach der Übergabe an China werden die Hongkonger noch auf Pferderennen wetten, mit Aktien spekulieren und Bälle besuchen können", versprach Chinas damaliger Staats- und Parteichef Deng Xiaoping, um seine Formel "Ein Land, zwei Systeme" dem In- und Ausland schmackhaft zu machen. Nach Dengs Verständnis standen diese drei Aktivitäten stellvertretend für ein kapitalistisches System.

Wenn man es wörtlich nimmt, hat Peking in den vergangenen siebzehn Jahren seit der Übergabe Hongkongs zumindest dieses Versprechen gehalten. Vergleicht man den Lebensstil in Hongkong und auf dem Festland, so kann man sogar von einem System (des Kapitalismus) sprechen: Auch in der Volksrepublik wird gewettet, mit Aktien spekuliert und in Nachtclubs getanzt. Die neue chinesische Mittelschicht stürmt nach Hongkong, um von dortigen Steuervorteilen zu profitieren und ihre Konsumlust zu befriedigen. All das macht einen harmonischen Eindruck.

Die aktuelle Protestwelle in Hongkong zeigt jedoch, dass die Menschen sich dort unter "Ein Land, zwei Systeme" etwas anderes vorstellen als Pferderennen oder Nachtclubvergnügen. Auslöser für die größte Demonstration des vergangenen Jahrzehnts war das jüngst veröffentlichte Weißbuch des Staatsrats, in dem viele Hongkonger einen Bruch von Deng Xiaopings Versprechen sehen. Die sogenannte Gemeinsame Erklärung zur Hongkonger Frage, die Peking und London 1984 unterzeichneten, sieht einen hohen Grad an Autonomie und eine unabhängige Justiz vor. Das neue Positionspapier aus Peking macht aber klar, dass die Freiheit Hongkongs eine reine Definitionssache der Zentralregierung ist.

Der Unmut gegenüber Peking braute sich aber schon seit Längerem zusammen. Nach einer Umfrage der Hongkong Chinese University vertraut nur ein Viertel der Bevölkerung der chinesischen Regierung. Hinzu kommt: Auch das Verhältnis zwischen der chinesischen Bevölkerung und den Hongkongern ist nicht ganz unkompliziert.

Jedes Jahr reisen mehr Chinesen in die ehemalige Kronkolonie (2013 waren es knapp 27 Millionen). Der Andrang hat begonnen, die Stadt zu verändern, und das löst nicht überall Begeisterung aus. Viele Chinesinnen versuchen, ihr Baby in Hongkong zur Welt zu bringen, um die chinesische Ein-Kind-Politik zu umgehen und gleichzeitig dem Kind einen Hongkonger Pass zu verschaffen. Übervolle Krankenhäuser und leergeräumte Milchpulver-Regale stören viele Hongkonger. Konflikte zwischen Touristen und Einheimischen sorgen auch in den sozialen Medien zu kontroversen Debatten. Reisende aus China wiederum klagen über Unfreundlichkeit und Vorurteile, die sie in Hongkong erlebten. Um zu vermeiden, dass künftig die zahlungskräftigen Brüder und Schwestern aus China fernbleiben könnten, hängen manche Hongkonger in ihren Läden bereits Schilder auf: "Touristen vom Festland sind bei uns willkommen."

Das Schweigen der chinesischen Medien

In der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung gilt Hongkongs Kolonialvergangenheit als Demütigung der ganzen Nation. Die Übergabe Hongkongs an China wurde einst als "Rückkehr zum Vaterland" bejubelt. Von Blutsverwandtschaft war damals viel die Rede. "Blut ist dicker als Wasser", schrieben auch 2008 chinesische Medien nach dem großen Erdbeben in der Provinz Sichuan, als aus Hongkong Spenden in Rekordhöhe eingingen. Dieselben Medien verschwiegen allerdings später die Wut der Hongkonger, als bekannt wurde, in welche Korruptionsskandale das Chinesische Rote Kreuz verwickelt war.

Eine kritische Öffentlichkeit, ein Hongkong, das aus der Reihe tanzt und Nein sagt, passt nicht zum "China-Traum" der neuen Pekinger Führung. Ihr Traum von einer starken Nation beruht auf dem Machtmonopol der Kommunistischen Partei. Die Sorge ist groß, dass Hongkong zum Vorbild für andere Regionen werden könnte. Und so schweigen die chinesischen Medien auch jetzt, wenn in der Sonderverwaltungszone Hunderttausende auf die Straße gehen. Im Internet gehört Hongkong derzeit zu den meistzensierten Begriffen. Die Twitter-ähnliche Plattform Sina Weibo löscht alle relevanten Beiträge und Fotos.

Doch die Hongkonger weigern sich zu schweigen. Sie haben angekündigt, den Finanz- und Regierungsbezirk Central zu besetzen, falls die Zentralregierung eine Direktwahl des Regierungschefs 2017 ablehnen sollte. Peking wiederum signalisiert: Man lasse sich durch nichts ins Wanken bringen. Der Konflikt hat gerade erst angefangen.