ZEIT ONLINE: Hadia, Sie sind vor einem Monat mit Ihrem Mann aus Mossul geflohen. Wie war das Leben dort vor der Eroberung durch die Extremisten von Isis?

Hadia: Die Stadt hat sich nie wirklich vom Krieg 2003 erholt. Es gab viele Morde, ohne Schuldigen und ohne Motiv. Autos wurden in die Luft gesprengt, vor allem nachts. Nach 21 Uhr konnte man das Haus nicht mehr verlassen. Alle hatten Angst. Der Frieden ist einfach nie nach Mossul zurückgekehrt. Wir hatten es dennoch gut, ich und mein Mann sind beide Apotheker, also Teil der höheren sozialen Schicht. Ich habe lange in einem Krankenhaus auf dem Land gearbeitet, nicht weit entfernt von Mossul. Und trotz allem haben wir Anfang Mai eine Apotheke in der Stadt eröffnet – sie sollte unsere Zukunft sein.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie die Entscheidung gefasst, zu gehen?

Hadia: Wir hatten Angst, dass Isis zu uns vordringen könnte und dass der Teil der Stadt, in dem wir leben, bombardiert wird. Einen Tag zuvor wurden andere Stadtteile bombardiert. Mein Mann hat schließlich entschieden, dass es besser ist, die Stadt zu verlassen. Das war am 9. Juni spät abends. Eine halbe Stunde später sind wir auch schon aufgebrochen. Ich war irgendwie erleichtert. Bevor wir geflohen sind, haben wir die Tage damit verbracht, zu Hause zu sitzen, zu schlafen, zu essen und immer wieder die Nachrichten zu verfolgen. Wegen der Ausgangssperre konnten wir die Wohnung nicht verlassen. Ich habe mich gefühlt wie im Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Wie konnten Sie dann Mossul verlassen?

Hadia: Es gab zwar immer noch die Ausgangssperre, aber auf den Straßen herrschte Chaos. Sie waren voll mit Familien auf der Flucht. Viele im Auto, aber noch mehr zu Fuß, mit Kindern und Koffern. Es war, als wäre mein schlimmster Alptraum wahr geworden. Mitgenommen habe ich in der Eile nur unsere Ersparnisse und unsere Schlafanzüge. Ich hätte damit gerechnet, dass wir unser Auto irgendwo zurücklassen und die Reise zu Fuß fortsetzen müssen. Normalerweise ist man in zwei Stunden in Kurdistan, wir haben im Auto elf gebraucht. Die Straßen waren einfach so überfüllt, und an der Grenze zu Kurdistan gab es einen Checkpoint. Ich konnte die ganze Zeit über kein Auge zumachen. Ich und mein Mann haben 36 Stunden lang nicht geschlafen.