Das Plakat bring our boys home flattert noch am Eingang von Nof Ayalon. Es ist längst von der Realität überholt. Die Jungs kann niemand mehr nach Hause bringen.

Die Ortschaft liegt auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem, auf einem Hügel mit Blick über das Ayalon-Tal. Es gibt hier ein Schwimmbad, Synagogen, einen Kindergarten, Einfamilienhäuser mit begrünten Gärten. Auf eines hatten sich Kameras aus aller Welt wochenlang gerichtet: Naftali Fraenkels Zuhause. Am 12.Juni war der 16-jährige Israeli – zusammen mit seinen Freunden Gilad Schaar und Ejal Dschifrah – im nahe gelegenen Westjordanland entführt worden. Achtzehn Tage lang dauerte das Bangen und Hoffen, bis man ihre drei Leichen fand.

In dieser Zeit und danach geriet besonders die Fraenkel-Familie in den Fokus, weil sie etwas ausstrahlte, das rar geworden ist: Besonnenheit, Haltung und Humanität. Solange das Schicksal der Teenager noch ungewiss war, riefen sie die Israelis zum kollektiven Gebet auf, das sogar überzeugte säkulare Tel Aviver mit aufrüttelte. Und während der Beerdigung kam es zu "Tränen der Stärke", wie es Vater Avi Fraenkel nannte, nicht zu Racheschwüren.

Als dann in der Nacht darauf der palästinensische Junge Mohammed Abu Dheir von jüdischen Extremisten in den Wald geschleift und verbrannt wurde, waren sie mit die ersten, die ihr Entsetzen darüber kundtaten. "Wenn tatsächlich ein arabischer Junge aus nationalistischen Gründen umgebracht worden ist", sagte Naftalis Mutter, Rachelle Fraenkel, sei das schrecklich und schockierend: "Es gibt keinen Unterschied zwischen Blut und Blut. Es gibt keine Rechtfertigung, Sühne oder Vergebung für einen Mord."

Auch Palästinenser trauerten mit den Fraenkels

In Nof Ayalon sind die meisten Menschen religiös. Sie werden sich an die Gesetze des traditionellen jüdischen Fastentags 17. Tamus halten, der auf diesen Dienstag fällt. Weil aber zugleich Ramadan ist, hatte eine Gruppe von Israelis und Palästinensern mit ihrer Initiative "Hungerstreik gegen Gewalt" zum gemeinsamen Fasten aufgerufen. Sie wollten dabei auch Rachelle Fraenkel besuchen.

Eigentlich steht sie gar nicht gern in der Öffentlichkeit, diese Frau mit amerikanisch-österreichischen Wurzeln und ausgesprochen weichen Gesichtszügen, die nach der Entführung zur UN-Menschenrechtskommission nach Genf geflogen war. Da saß sie als Rednerin mit der Kopfbedeckung einer gläubigen Jüdin, um in einer israelfeindlichen Atmosphäre für Mithilfe für die Suche der Entführer zu plädieren. Ihr Bild war auf den Titelseiten aller großen Zeitungen. Erst im Nachhinein erfuhr man, dass sie da bereits die volle Tonbandaufzeichnung der Polizei kannte, auf der ein Notanruf der Jugendlichen registriert war, die von einer Entführung sprachen – und auf der dann auch Schüsse zu hören waren. Spätestes da war klar, dass nicht mehr alle drei am Leben sein würden.

Rachelle Fraenkel, Mutter von weiteren sechs Kindern, aber hielt durch. Sie sei in diesen Tagen der Ungewissheit wie immer zu einer Kindergartenfeier ihres Jüngsten gekommen, habe mitgesungen, erzählt ein Nachbar, Israel Weinberger. Rachelle sei immer schon außergewöhnlich gewesen, sagt er, auch schon weil sie als Frau religiöse Schriften unterrichte, aber erst die tragischen Umstände hätten das jetzt erst so richtig deutlich gemacht. Noch während der siebentägigen Trauerwoche legte sie gegenüber all den Besuchern eine Liebenswürdigkeit an den Tag, die erstaunte. Darunter auch Palästinenser aus dem Westjordanland, die sich zu der Familie auf den Weg gemacht hatten.