Notstand-Routine heißt das neue Wort in Tel Aviv. Man kehrt zurück zum Alltag. Zwar hat die Hamas bisher mit rund 100 Raketen pro Tag weite Teile der israelischen Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, aber auch nicht viel mehr. Heute wurde erstmals ein Junge in Ashkelon schwer verletzt, doch es gibt keine Toten, vor allem dank des Abwehrsystems Iron Dome. Groß ist die Kluft zwischen den Tatsachen und jenen Siegesparolen, die im Fernsehen in Gaza ausgestrahlt werden: Man werde den zionistischen Feind in die Knie zwingen. Was also will die Hamas mit ihren fortgesetzten Angriffen erreichen?

Für Israel steigt jetzt am sechsten Tag seiner Militäroperation mit dem Einsatz von Bodentruppen in Gaza das Risiko, dass doch mehr palästinensische Zivilisten zu Schaden kommen. Durch mehr als 1.000 Luftangriffen starben 150 Menschen. Die israelische Armee möchte zwar zivile Opfer vermeiden. Doch je länger die Offensive andauert, desto schneller schwindet die internationale Legitimität. Wie lange will also Israel noch weitermachen?    

Die Frage nach dem jeweiligen Ziel beider Seiten ist mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen verbunden, wie die asymmetrische Auseinandersetzung enden soll. Für die Hamas, die sich intern und international in einer schwachen Position befand, ist es ein Versuch, Israels Image zu schädigen und Solidarität zu schaffen. Die Bilder von toten palästinensischen Kindern und Frauen erwecken schließlich auch die Sympathien vieler, die mit der Hamas nichts zu tun haben wollen. Es geht aber auch darum, am Ende der Konfrontation nicht mit leeren Händen dazustehen. Deshalb verknüpft sie einen Waffenstillstand mit Forderungen.

Dazu gehört die Freilassung von Gefangenen, die im Zuge des Austausches von Gilad Schalit freikamen und nach der Entführung der drei Jugendlichen im Westjordanland von den Israelis erneut verhaftet worden waren. Es geht auch um die Öffnung des Grenzübergangs Rafah zu Ägypten und um die Auszahlung der Gehälter für 40.000 öffentliche Angestellte in Gaza durch die palästinensische Autonomiebehörde. Präsident Mahmud Abbas, der erst vor Kurzem eine Einheitsregierung mit der Hamas gegründet hat, will aber erst einen Sonderausschuss darüber entscheiden lassen, welche Hamas-Mitglieder ihre Gehälter bekommen und welche nicht.

Die Schlagkraft der Hamas zerstören

Israels Ziele seiner Militäroperation sind nicht so weitgreifend. Es geht vor allem um ein nachhaltiges Ende des Raketenbeschusses. "Niemand will diese Konfrontation ausfechten, um den Kampf dann in ein paar Monaten schon wieder aufzunehmen", sagt der ehemalige israelische Verteidigungsberater Michael Herzog, derzeit am Washington Institute for Near East Policy. Das ist der Grund dieser Offensive, die effektiver als beim letzten Mal im November 2012 die Schlagkraft der Hamas zerstören soll. Nach allen offiziellen Erklärungen geht es aber allein darum, der Hamas einen schweren Schlag zu versetzen.

Netanjahu spricht nicht davon, den Gazastreifen wieder zu besetzen oder die Hamas ganz von der Bildfläche zu schaffen. Das nämlich würde ein politisches Vakuum schaffen, das dann noch extremistischere Gruppierungen wie der Islamische Dschihad oder Al-Kaida ausfüllen könnten. Denn um sich auf eine Waffenruhe zu einigen, braucht es einen verantwortlichen Ansprechpartner auf der anderen Seite. Für Israel stellt sich die Frage, wie es zu einer solchen Waffenruhe kommt, ohne die Hamas dabei für ihre Gewalt zu belohnen. 

Noch fehlt es an einem effektiven Vermittlungsmechanismus, der die Verhandlungen überhaupt in Gang setzt. 2012 agierten die Amerikaner stellvertretend für Israel, und das zu dieser Zeit von den Muslimbrüdern regierte Ägypten vertrat die Hamas. Bisher zeigt sich Kairo eher zurückhaltend. Es ist kein Geheimnis, dass Präsident Sissi nicht ungern zuschaut, wie die Hamas weiter geschwächt wird. Zugleich aber hat auch er ein strategisches Interesse an der Beruhigung der Lage. Er muss darauf achten, dass der Konflikt nicht auf sein Land übergreift. Deshalb kann man davon ausgehen, dass Ägypten in jedem Fall eine Rolle spielen wird. England, Deutschland, die Türkei und Qatar haben sich ebenfalls als Vermittler angeboten.

50 Milliarden Dollar für eine Demilitarisierung

Wie aber könnte eine solche Einigung aussehen? Michael Herzog spricht von einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen in Gaza, ohne der Hamas politisch zu helfen. So könnte etwa die Kontrolle des Rafah-Übergangs an die Palästinenserbehörde übergeben werden. Damit wäre aber das Schicksal der Einheitsregierung verbunden und die Frage, ob diese die gegenwärtige Konfrontation überhaupt überlebt.

Israels Premier Netanjahu hat sich von Anfang an dagegen ausgesprochen. Ihm wurde vorgeworfen, dass er die Entführung (und Ermordung) der drei Jugendlichen im Westjordanland durch mutmaßliche Hamas-Täter genutzt habe, um die palästinensische Einigung zu torpedieren. Präsident Mahmud Abbas aber ist seither auch auffällig still. Er wird jetzt von der Hamas beschuldigt, dass er eine Notstandssitzung der Arabischen Liga vertagt hätte, die sich mit der israelischen Aggression in Gaza beschäftigen soll. Doch auch wenn sich die Hamas in vieler Hinsicht verrechnet haben mag, wird sie ein Faktor bleiben. Der frühere israelische Verteidigungsminister Shaul Mofaz schlägt nun einen Deal vor, der den Menschen in Gaza ein Wirtschaftsaufbaupaket im Wert von 50 Milliarden US-Dollar für fünf Jahre anbieten würde, im Gegenzug für Demilitarisierung.

Letztlich werden beide Seiten auch in dieser neuen Auseinandersetzung einsehen, dass sie sich auf eine Waffenruhe einlassen müssen. Damit, so schreibt Haaretz, erkenne die Hamas an, dass ihre Raketen nicht den Staat Israel zerstören, während Israel erkenne, dass das "Ausmerzen terroristischer Infrastruktur" ein Ziel ist, das sich nicht verwirklichen lasse.