Es sind ernste und pessimistische Zeiten. Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise ist wieder vom Kalten Krieg die Rede, überhaupt wieder von Krieg – auch auf europäischem Boden. Europa steht einem neuen Eurasien gegenüber, geführt von einem erstarkten und zunehmend nationalistischer werdenden Russland. Auch die früher engen, vertrauensvollen Beziehungen zwischen den westlichen Staaten sind erschüttert. Kontinentaleuropa und die USA haben sich entfremdet. Die NSA-Affäre hat tiefe Gräben zwischen die alten Freunde gerissen. Auch China ist allenfalls ein strategischer Partner Europas, ein Freund definitiv noch nicht. Und in Europa selbst? Auch hier hat die Freundschaft gelitten. Deutschlands harter Ton in der Euro- und Staatsschuldenkrise ist in vielen Ländern Europas – vor allem in Südeuropa – nicht gut angekommen. Beklagt wurde ein außenpolitischer Neoliberalismus. So ist auch in Europa das politische Klima kälter geworden.

Das Vertrauen hat gelitten in dieser Welt. Die internationalen Beziehungen sind von einem Verbesserungsklima, in dem viele Politiker und Philosophen gar von einer Kosmopolis mit einem Weltstaat träumten, wieder in alte Muster zurückgefallen. Es gibt Renationalisierung, Regionalisierung, Anti-Europäisierung, Anti-Universalisierung.

All das deutet daraufhin, dass die Zivilisationshoffnungen, die man im Westen jahrzehntelang hatte, zurückgestellt, und durch einen nüchternen Pessimismus ersetzt wurden. Ganz offensichtlich ist das Zivilisationsprojekt des Westens an einem Punkt angekommen, wo es nicht mehr automatisch weiterzugehen scheint. Offensichtlich war die These des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama falsch, dass es mit dem Zusammenbruch der UDSSR zu einem "Ende der Geschichte" kommen würde. Offensichtlich kam der Glaube an einen stetigen und unaufhaltsamen Sieg der Demokratie und des Friedens zu früh. 

Aber nur der bisherige Weg des Westens war falsch. Das Ziel bleibt weiter richtig.

Falsch am Weg war, dass man glaubte, das Projekt der Zivilisation vor allem mittels Kapitalisierung zu lösen. Es fehlte daran, deutlich zu machen, dass Zivilisation mehr bedeutet als Wohlstandswachstum. Hinzu kommt, dass sich große Bevölkerungsgruppen in den einzelnen Ländern zunehmend vom Wohlstandswachstum ausgeschlossen fühlen. Schließlich besitzen nach Berechnungen von der Organisation Oxfam weltweit die 85 reichsten Menschen so viel Vermögen wie die 3,5 Milliarden ärmsten Menschen. Der Wohlstand wächst zwar noch in der Summe, aber die Verteilung dieses Wohlstandes wird immer ungleicher.

Was fehlte beim Projekt des Westens?

Selbst das Wohlstandswachstum dient also heute nicht mehr als Motivation, an einen Gerechtigkeits- und Friedensfortschritt zu glauben, weil sich die sozio-ökonomische Ungleichheit weltweit manifestiert und sogar wächst. Und die Globalisierungsenttäuschten und Globalisierungsverlierer suchen nun Ventile für ihren Frust. Der Nationalismus dient als Ventil – wie er es schon früher tat. Das Resultat ist der weltweite Anstieg von kulturellem Nationalismus – auch in den Industriestaaten kann man dies beobachten, wie es der Front National in Frankreich oder die AfD in Deutschland zeigen.

Was fehlte beim Projekt des Westens, war die konsequente Durchsetzung humanistischer Ideale und die faire Gestaltung der Globalisierung. Die Folge ist, dass das Projekt des Westens langsam aber stetig in sich zusammenbricht, weil man es verpasste, der unverhältnismäßigen Bereicherung einiger Weniger und einem radikalen Egoismus im globalisierten Kapitalismus Einhalt zu gebieten. Die Hoffnung auf den ewigen Frieden wurde so auf das Abstellgleis der politischen Ideen gestellt.  

So hat der Westen auch seinen Teil zu der heutigen geopolitischen Lage beigetragen. Der Westen ist zwar nicht direkt Schuld an der Eskalation in der momentanen Ukraine-Krise. Aber eindeutig ist dennoch, dass der Westen in den letzten zwei Jahrzehnten daran scheiterte, ein Vorbild zu sein. Vor allem scheiterte der Westen daran, die Globalisierung für alle zum Hoffnungsprojekt zu machen.