Nach dem mutmaßlichen Abschuss eines malaysischen Passagierflugzeugs über der Ostukraine steigt der internationale Druck auf Russland, bei der Aufklärung des Absturzes zu helfen. Prorussische Separatisten behindern die Ermittlungen an der Absturzstelle. Separatistenführer Alexander Borodaj sagte, er könne nicht für die Sicherheit der internationalen Experten garantieren. Westliche Regierungschefs forderten den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu auf, seinen Einfluss auf die Rebellen zu nutzen, um eine internationale Untersuchung der Wrackteile zu ermöglichen.  

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sagte, er habe mit Putin ein "sehr intensives Gespräch" über den Absturz der Maschine geführt. "Ich habe ihm gesagt, dass er der Welt zeigen muss, dass er helfen will", sagte Rutte. Er habe Putin deutlich gemacht, dass Moskau "jetzt die Verantwortung gegenüber den Rebellen tragen muss". Der Regierungschef zeigte sich zudem "schockiert" über Bilder von "schamlosen" prorussischen Separatisten, die an der Absturzstelle Habseligkeiten der Opfer in Händen hielten. 192 der 298 bei Flug MH17 getöteten Menschen kamen aus den Niederlanden.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ebenfalls "schockiert" und "empört" über den Umgang mit den Leichen. Die ukrainische Staatsführung warf den prorussischen Separatisten im Osten des Landes vor, mithilfe Russlands "Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören" zu wollen.         

Cameron richtet klare Worte an Putin

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte eine lückenlose Aufklärung. Nötig sei eine "unabhängige internationale Untersuchung", sagte er der Bild am Sonntag. Die Täter und ihre Hintermänner dürften nicht davonkommen. Der britische Premierminister David Cameron äußerte sich bei Twitter nach einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel besorgt über die Lage am Absturzort. Zuvor hatte er in einem Beitrag für die Sunday Times Russland und Präsident Wladimir Putin scharf kritisiert. Russland solle "den Moment nutzen" und die Krise beenden, schrieb Cameron. "Wenn dies nicht geschieht, müssen wir entschieden antworten", warnte er mit Blick auf mögliche neue Sanktionen gegen Moskau.  

Wenn Putin seine Haltung zur Ukraine nicht ändere, müsse Europa und der Westen ihre Haltung zu Russland grundsätzlich ändern, schrieb Cameron. Es deute immer mehr darauf hin, dass die Boeing von prorussischen Separatisten abgeschossen worden sei. "Wenn das der Fall ist, dann müssen wir klar sagen, was es heißt: Es ist eine direkte Folge davon, dass Russland einen souveränen Staat destabilisiert, seine territoriale Integrität verletzt, brutale Milizen unterstützt, trainiert und bewaffnet", so Cameron.

Der Brite forderte einen härteren Kurs der EU gegenüber Russland. Europa verhalte sich, als bräuchte es Russland wirtschaftlich dringender als umgekehrt. Bisher hat die EU Sanktionen gegen Einzelpersonen und Unternehmen verhängt, aber nicht gegen ganze russische Wirtschaftszweige. "Es ist aber an der Zeit, dass wir unsere Macht, unseren Einfluss und unsere Ressourcen einsetzen", forderte Cameron, ohne direkt von Sanktionen zu sprechen.

Auch Polens Außenminister Radoslaw Sikorski warf der Europäischen Union in der Welt am Sonntag zu große Zurückhaltung gegenüber Russland vor. "Europa hat zu wenig getan, um das Verhalten Russlands in den verschiedenen Phasen des Konflikts zu beeinflussen" sagte Sikorski. Die EU hätte schon zu Beginn des Konfliktes vor einem Jahr Russlands Verhalten gegenüber der Ukraine sanktionieren sollen.

US-Außenminister John Kerry kritisierte in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow die Zustände am Absturzort. Kerry sei "zutiefst besorgt", dass OSZE- und anderen Experten "ein angemessener Zugang" verwehrt werde, wurde nach dem Gespräch mitgeteilt. Kerrys Sprecherin sprach von einem "Angriff auf all jene, die ihnen liebe Menschen verloren haben, und auf die Würde, die den Opfern gebührt".

In einer gemeinsamen Erklärung teilten Kerry und Lawrow mit, sie wollten ihren Einfluss auf die Konfliktparteien nutzen, um "die Kämpfe zu stoppen" und Verhandlungen voranzutreiben. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Präsident Putin forderten nach einem Telefonat internationale Ermittlungen.

Russland wirft Westen Stimmungsmache vor

Später warf Moskau dem Westen allerdings Stimmungsmache vor. "Die Mitteilungen der Vertreter der amerikanischen Regierung sind ein Beweis für eine völlig abwegige Wahrnehmung Washingtons dessen, was in der Ukraine vor sich geht", sagte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Einige Staaten bemühten sich, "ihre Versionen der Katastrophe zu verbreiten" und die Untersuchung zu beeinflussen.

Das Passagierflugzeug der Malaysia Airlines war am Donnerstag mit 298 Menschen an Bord im umkämpften Osten der Ukraine abgestürzt. Vieles deutet darauf hin, dass die Boeing 777 mit einer Boden-Luft-Rakete aus von den Separatisten kontrolliertem Gebiet abgeschossen wurde. Kiew macht die Rebellen verantwortlich, diese beschuldigen die ukrainische Armee.