Mit der Ausweisung des obersten Geheimdienstrepräsentanten der USA hat die Bundesregierung Erstaunen, Verwunderung und eine gewisse Selbstkritik in den USA ausgelöst. Offiziell will die US-Regierung die faktische Ausweisung bislang zwar nicht kommentieren. "Jede Art von Kommentar über jegliche berichteten Geheimdienst-Handlungen würde das Vermögen, Personal und die nationale Sicherheit der USA gefährden", sagte Regierungssprecher Josh Earnest auf Journalistenfragen. Aber hochrangige Politiker und Medien nehmen sehr wohl Stellung zu der Affäre, und drücken dabei ihre Sorge über das transatlantische Verhältnis aus.

"Es ist unerlässlich, dass die Zusammenarbeit in allen Bereichen fortgesetzt wird", sagte etwa die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats, Caitlin Hayden. Die Kooperation in Sicherheits- und Geheimdienstfragen sei sehr wichtig und schütze Deutsche und Amerikaner. "Und wir werden weiterhin auf den angemessenen Kanälen mit der deutschen Regierung in Kontakt bleiben", erklärte sie. Das US-Außenministerium reagierte ebenfalls: Außenminister John Kerry werde sicher "in den kommenden Tagen" mit seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier (SPD) die Möglichkeit zu einem Gespräch haben, sagte Sprecherin Jen Psaki.

Am Donnerstag hatte die Bundesregierung den obersten Geheimdienstler der Amerikaner in Berlin aufgefordert, das Land zu verlassen. Begründet wurde der ungewöhnliche Schritt mit den Ermittlungen gegen zwei mutmaßliche Spione der USA beim Bundesnachrichtendienst (BND) und im Verteidigungsministerium sowie den Spähaktionen des US-Diensts NSA. Mit der Aufforderung an den CIA-Residenten in Berlin, Deutschland zu verlassen, wurde eine noch schärfere diplomatische Maßnahme gegen den wichtigsten internationalen Bündnispartner – eine formelle Ausweisung – vermieden. Falls der US-Geheimdienstler der Ausreisebitte aber nicht nachkommt, könnte er zur unerwünschten Person erklärt werden. Dann müsste er Deutschland innerhalb einer bestimmten Frist – üblicherweise 72 Stunden – verlassen.

"Falsche Botschaft" an Verbündeten

Mit etwas Verzögerung macht inzwischen auch der US-Kongress Druck auf Präsident Barack Obama, sich der Affäre anzunehmen. "Die Situation fängt an, außer Kontrolle zu geraten", sagte der republikanische Senator Jim Risch, der im Geheimdienstausschuss sitzt. Deutschland sei für die Vereinigten Staaten ein "sehr wichtiges Land". Daher müsse der Präsident sich "substanzieller einbringen". Auch der demokratische Senator Tim Kaine, Mitglied im Ausschuss für Auswärtige Beziehungen, sieht Obama in der Pflicht. "Ich denke definitiv, dass der Präsident bei diesem Thema den direkten Kontakt mit Angela Merkel haben sollte", sagte Kaine. Die Beziehung mit Deutschland sei "zu wichtig", um sie mit einer Spionageaffäre zu beschädigen. Und CNN zitiert den demokratischen Senator Mark Udall: "Meiner Überzeugung nach senden wir die falsche Botschaft zu einem der wichtigsten Verbündeten."

Zwar wird die Notwendigkeit zur Spionage bei Verbündeten wie Deutschland auch von einzelnen Stimmen verteidigt. Es wäre "verrückt", Deutschland nicht auszuspionieren, schreibt etwa die Nachrichtenseite The Daily Beast. Die guten wirtschaftlichen und politischen Beziehung Deutschlands zu Russland und Iran seien etwa von Interesse. Zudem habe sich Berlin "als wenig vertrauenswürdiger Verbündeter erwiesen", weil es auf die NSA-Affäre geradezu hysterisch reagiert habe, während es Russland nach der Annexion der Krim nur verhalten kritisiert habe.

Verwunderung über ungewöhnlichen Schritt

Doch mehrheitlich wird der "Ärger" der Deutschen in den US-Medien verstanden und die Gründe dafür analysiert. So schreibt die New York Times von einem "Tiefpunkt" in den Beziehungen. Die öffentlich verkündete Ausweisung wird als Ausdruck großen Ärgers gesehen, als den "stärksten Beleg" dafür, dass die Enthüllungen über US-Spionage in Deutschland das Verhältnis der vormals engen Alliierten beschädigt habe. Dies sei zudem ein ungewöhnlicher Schritt, der an den Kalten Krieg erinnere: "Es ist eine Sache, einen Mitarbeiter der unteren Ebene rauszuschmeißen, aber etwas völlig anderes, den Chef der Vertretung auszuweisen", zitiert das Blatt einen früheren CIA-Mitarbeiter. 

Die Zeitung stellt auch die Frage, ob es für die US-Geheimdienste lohnenswert ist, befreundete Nationen für das Erreichen anderer außenpolitischer Ziele auszuspähen. Ausführlich wird beschrieben, wie die Bundesregierung seit Bekanntwerden der NSA-Affäre versucht hat, die USA zu einer Änderung ihrer Geheimdienststrategie zu bewegen – trotz Obamas Zusagen ohne großen Erfolg.

Die Washington Post zitiert einen früheren CIA-Mitarbeiter, der sich nicht erinnern kann, dass ein Alliierter jemals "jemanden herausgeschmissen hat". Das sei sehr ungewöhnlich, weil es andere Möglichkeiten gebe, seinen Ärger zu vermitteln. Und Deutschland müsse sich auch bewusst sein, was es damit politisch aufs Spiel setze: Es profitiere bislang von den Geheimdiensterkenntnissen aus den USA. Nun werde es Geheimdienstler geben, die sagen: "Das war's."