In den ersten Stunden der Waffenruhe zwischen Hamas und Israel haben palästinensische Rettungskräfte mindestens 85 Leichen aus früheren Kämpfen geborgen. Die Bergungsarbeiten im Gaza-Stadtteil Sadschaija und in Teilen der südlichen Gemeinde Chan Junis seien noch nicht abgeschlossen, teilte die palästinensische Seite mit.

Mit dem Inkrafttreten der Feuerpause konnten die Rettungskräfte die seit Beginn der israelischen Bodenoffensive am 17. Juli umkämpften und angegriffenen Gebiete erstmals betreten. Bei der Mehrheit der Opfer handele es sich um Zivilisten, hieß es. Auch nach verletzten Überlebenden wurde gesucht. Reportern und Kamerateams, die sich dort gleichfalls einfanden, bot sich ein Bild großflächiger Zerstörung. 

Die Waffenruhe gilt seit 8 Uhr Ortszeit (7 Uhr MESZ), sie soll bis 19 Uhr deutscher Zeit dauern. Die vorübergehende Einstellung der Kämpfe soll – neben der Leichenbergung – es den 1,5 Millionen Bewohnern des Gazastreifens ermöglichen, sich mit Essen, Wasser, Medikamenten und anderen Gütern zu versorgen. Auf den Straßen sind Menschen zu sehen, in den Lebensmittelmärkten herrscht großer Andrang. 

In der Mitteilung der Armee hieß es, Soldaten würden auch während der Feuerpause geheime Tunnel der Islamisten suchen und zerstören. Sollten Raketen abgeschossen oder sie selbst angegriffen werden, werde sie zurückschlagen. Im Gazastreifen lebende Zivilisten, die das Militär aufgefordert habe, ihre Häuser angesichts bevorstehender Angriffe zu verlassen, sollten es "unterlassen zurückzukehren".

Zuvor hatte das Sicherheitskabinett unter Regierungschef Benjamin Netanjahu eine von US-Außenminister John Kerry vorgeschlagene mehrtägige Waffenruhe "einstimmig abgelehnt", wie der israelische Fernsehender Channel 1 TV berichtete. Sogar auf eine "bedeutende Ausweitung der Bodenoffensive" im Gazastreifen soll Verteidigungsminister Mosche Jaalon seine Soldaten eingestimmt haben.  

Außenministerkonferenz in Paris

In Paris berät unterdessen am Mittag eine Außenministerkonferenz über die Gaza-Krise und eine mögliche längere Waffenruhe. An den Gesprächen nehmen US-Außenminister John Kerry und sein französischer Amtskollege Laurent Fabius, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, Philip Hammond aus Großbritannien sowie Vertreter aus Italien, Katar, der Türkei und der EU teil. Ziel sei es, "internationale Bemühungen zusammenzuführen, um Möglichkeiten für Fortschritte hin zu einem Waffenstillstand für Israel und Gaza zu sondieren", teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit.

Es gehe darum, die internationalen Vorschläge für eine Waffenruhe, allen voran die ägyptische Initiative, zusammenzuführen, um "möglichst schnell" die Bedingungen für eine Waffenruhe im Gazastreifen auszuarbeiten, hieß es aus Diplomatenkreisen.

16 Palästinenser bei Angriff auf Wohnhaus getötet

Kurz vor Inkrafttreten der Waffenruhe sind bei einem israelischen Artillerieangriff auf ein Wohnhaus in Chan Junis im südlichen Gazastreifen mindestens 16 Menschen getötet worden. Mindestens zwölf weitere Angehörige der Al-Nadschar-Familie seien in der Nacht verletzt worden, teilte Aschraf al-Kidra, der Leiter der palästinensischen Rettungsdienste in Gaza, mit.

Im Westjordanland erschossen israelische Soldaten in der Nacht zum Samstag bei anhaltenden Protesten gegen die Militäroffensive im Gazastreifen zwei palästinensische Jugendliche. Wie palästinensische Sicherheitsdienste mitteilten, wurden bei Zusammenstößen im Dorf Beit Fadschar südlich von Bethlehem ein 16-Jähriger getötet und fünf weitere verletzt. Bei einem Protest am Militärkontrollpunkt Dschalama im nördlichen Westjordanland wurde ein 18-jähriger Palästinenser erschossen.

Während der Luft- und Bodenkämpfe seit dem 8. Juli sind nach palästinensischen Angaben rund 900 Menschen ums Leben gekommen, auf israelischer Seite waren es 40.