Telefoniert Barack Obama mit Angela Merkel oder mit einem anderen europäischen Regierungschef, sitzt Charles Kupchan oft still dabei. Denn es könnte ja plötzlich irgendein Problem auftauchen und sein Rat sofort gefragt sein.  

Seit Juni ist Kupchan Obamas oberster Europaberater, seitdem rast der 56jährige Politikprofessor von Krisensitzung zu Krisensitzung. Ukraine, Irak, Gaza, Syrien, Iran-Verhandlungen, US-Geheimdienstskandal – Kupchan ist überall dabei, denn in jedem dieser Konflikte ist an irgendeiner Stelle auch Europa involviert. Mal unmittelbar, mal eher indirekt.

Er war auch an jenem schicksalhaften Tag zugegen, als Obama den russischen Präsidenten am Hörer hatte und Putin ihm fast beiläufig mitteilte, dass soeben über der Ostukraine eine Passagiermaschine abgestürzt sei. Russland gehört aber eigentlich nicht zu Kupchans Kernbereich. Doch wird im Lagezentrum des Weißen Hauses, dem berühmten fensterlosen Situation Room, über die nächste Sanktionsrunde beraten, rückt Kupchan von der zweiten Stuhlreihe vor an den großen Konferenztisch.

Denn dann geht es auch darum, wie man für diese Strafmaßnahmen die Europäer und vor allem die einflussreichen und wirtschaftlich potenten Deutschen gewinnt. Amerika weiß: Nur wenn die Verbündeten mitmachen, schmerzen die Sanktionen wirklich.

Europa und die Deutschen sind für die Vereinigten Staaten wichtig. "Es ist die wichtigste Beziehung in der Weltpolitik", sagt Charles Kupchan. Dies hat er schon vertreten, als er noch nicht in der Schaltzentrale der amerikanischen Macht saß, sondern in seinem Denkerstübchen an der renommierten Georgetown Universität.

"Ich glaube, wir kapieren es"

Doch diese Beziehung ist belastet. Seit herausgekommen ist, dass der US-Geheimdienst den internationalen Email- und Telefonverkehr überwacht, dass er Merkels Handy abgehört und beim Bundesnachrichtendienst einen Agenten angeworben hat, sind die Deutschen nicht gut auf Amerika zu sprechen. Überdies drängt sich der Eindruck auf, dass Washington diesen Vertrauensbruch bislang nicht ernst nimmt.

Deshalb hat sich das Weiße Haus wohl entschlossen, den neuen Europaberater reden zu lassen. "Ich glaube, dass es in dieser Regierung eine akute Sensibilität dafür gibt, wie tief besorgt die Deutschen über diese Überwachungstätigkeiten sind", sagt Kupchan und klopft dabei mit seinen Fingern auf den dunklen Konferenztisch, um diesen Worten besonderen Nachdruck zu verleihen. Und: "Man hört von den Deutschen: Ihr Leute kapiert es einfach nicht. Ich glaube, wir kapieren es."

Eigentlich sollte es nur ein reines Hintergrundgespräch werden. Schon das wird selten gewährt. Die kontrollbesessene Obama-Regierung lässt ihre Leute nur ungern mit den Medien reden. Ihr Sprachrohr sind die Pressesprecher.

Doch auf einmal erklärt man sich sogar bereit, ein paar Zitate freizugeben. Die Botschaft ist klar, man will den Deutschen signalisieren: Wir haben verstanden!

Als Professor lehrte Charles Kupchan seine Studenten, dass Vertrauen auch in der Politik eine wichtige Kategorie sei, zwischen Verbündeten allemal. Folglich müsste er eigentlich angesichts des Spionageskandals wie die Deutschen von einem Vertrauensbruch sprechen.

Doch in seiner neuen Rolle als Regierungsmitglied drückt er sich vorsichtiger aus: Die Geheimdienstaffäre habe "Irritationen" hervorgerufen. "Ich würde sagen, sie hat zu schlechten Tagen geführt." Doch immerhin mahnt Obamas Europaberater, die eigene Regierung wie die Weltlage im Blick zu behalten: "Wir müssen das Bewusstsein dafür wecken, wie wichtig es ist, diese Geheimdienstdinge zu regeln, wie wichtig die deutsch-amerikanische Beziehung nicht nur für die transatlantische Beziehung ist, sondern für viele Angelegenheiten weit über den transatlantischen Raum hinaus."