So spärlich die kurze Zeremonie, so eindringlich spiegelte sie die dramatische Lage. "Das Land liegt nun in Ihren Händen", wandte sich der irakische Staatspräsident Fuad Masum live im Fernsehen an Haidar al-Abadi. Der von ihm nominierte Kandidat soll als neuer Premierminister und Nachfolger von Nuri al-Maliki künftig die Geschicke des Irak leiten.      

Haidar al-Abadi tritt ein katastrophales Erbe an. Ein Drittel des Landes ist von brutalen Gotteskriegern besetzt, mehr als eine Million Mitbürger sind auf der Flucht, Zehntausende Jesiden in den Sinjar-Bergen und Christen aus der Niniveh-Ebene von Massenmord bedroht. Wie Nuri al-Maliki entstammt Al-Abadi der Dawa-Partei, war lange Jahre einer der engsten Berater des Premiers und wurde 2013 Vorsitzender des Finanzausschusses in der nationalen Volksvertretung. Nach der Parlamentswahl im April bestimmten die Abgeordneten den Schiiten zum stellvertretenden Parlamentssprecher.

Geboren 1952 in Bagdad, studierte Al-Abadi Ingenieurwissenschaften in seiner Heimatstadt und promovierte anschließend in Großbritannien an der Universität Manchester. Während der Diktatur von Saddam Hussein lebte er mit seiner Familie die meiste Zeit in London. Zwei seiner Brüder wurden im Irak hingerichtet, ein dritter zehn Jahre lang eingesperrt. In London eröffnete Al-Abadi das Restaurant Kubba. Viele Jahre war es Treffpunkt der Exil-Iraker. Erst nach der US-Invasion 2003 kehrte der politische Flüchtling in seine Heimat zurück und gehörte der ersten Interimsregierung als Kommunikationsminister an.

Dass sich das politische Lager der Schiiten jetzt doch dazu entschloss, den Konflikt mit dem so allmächtigen wie autoritären Nuri al-Maliki zu wagen, hängt mit der wachsenden Unzufriedenheit zusammen, die weit in die schiitischen Kernparteien hineinreicht. Denn immer mehr Abgeordnete sehen in Al-Malikis unversöhnlicher Haltung gegenüber der sunnitischen Minderheit eine der Kernursachen für den Blitzerfolg der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) und den Zusammenbruch von beträchtlichen Teilen der irakischen Armee – eine Meinung, die der designierte Premier Al-Abadi teilt.      

Abadi verspricht eine "offene" Regierung

Man müsse Berichte über Exzesse der Streitkräfte ernst nehmen und ihnen nachgehen, mahnte er immer wieder. "Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir nicht hineingeraten in einen Krieg der Konfessionen, wie ihn sich der Islamische Staat wünscht. Schiiten sind nicht gegen Sunniten und Sunniten nicht gegen Schiiten", sagte er in einem Gespräch mit der Huffington Post.

Al-Abadis oberstes Ziel ist es jetzt, den Irak zusammenzuhalten. Der Aufstieg der IS sei eine Katastrophe für den gesamten Nahen Osten sowie für den Westen. Er ist überzeugt, dass der Irak am Boden alleine mit den Extremisten fertigwerden und sie wieder verjagen kann. Nur aus der Luft benötige man Unterstützung, eine Hilfe, die er in erster Linie von den Amerikanern erwartet. "Sollten die USA aber Luftangriffe verweigern", erklärte er Mitte Juni wenige Tage nach dem Fall von Mossul, "dann werden wir wohl iranische Einsätze anfordern oder die Hilfe der türkischen Luftwaffe in Betracht ziehen."

Washington hatte einen möglichen Einsatz im Irak immer wieder davon abhängig gemacht, ob die Iraker bei ihrer Regierungsbildung alle Minderheiten berücksichtigen würden. Am Sonntag waren die USA weiter von Regierungschef Nuri al-Maliki abgerückt und hatten sich in dem irakischen Machtkampf hinter Präsident Masum gestellt. Die Nominierung Al-Abadis hat Obama als "vielversprechenden Schritt nach vorn" bezeichnet.

Al-Abadi hat nach Angaben Washingtons versichert, sich für die rasche Bildung einer Regierung einzusetzen. In einem Telefonat mit US-Vizepräsident Joe Biden habe Al-Abadi zugesagt, eine "breit angelegte, offene Regierung" zu bilden, die stark genug sei, der IS die Stirn zu bieten.  

Al-Maliki weigert sich jedoch die Entscheidung Masums anzuerkennen und aus dem Amt zurückzutreten. Al-Abadi mit der Regierungsbildung zu beauftragen, sei ein Verfassungsbruch, sagte Al-Maliki laut der Nachrichtenseite Al-Sumeria in einer TV-Ansprache. Den USA warf er außerdem vor, den Verstoß gegen die Verfassung zu billigen. Er sei der der einzige, dem das Recht für eine Regierungsbildung zustehe, weil seine Partei bei der Parlamentswahl im April stärkste Kraft geworden war.