Wo genau liegen die Unterschiede zwischen der Bedrohung Afghanistan 2002 und Isistan 2014? Zunächst mal in der Größe der Terrorarmeen: Die Stärke Al-Kaidas betrug damals zwischen 3.000 und 5.000 Kämpfern. Der "Islamische Staat" (IS) im Irak und Syrien soll heute etwa drei Mal so groß sein, etwa 15.000 Kämpfer, schätzt die Bundesregierung.

Zum Zweiten liegt der Unterschied im Potenzial: Während Osama bin Ladens al-Kaida lediglich geduldeter Gast im verarmten Gebirgsreich der Taliban war, baut IS gerade einen eigenen Staat in einer der ölreichsten Regionen der Welt auf. Schon heute soll die Terrormiliz rund eine Million Dollar pro Tag aus dem Ölverkauf ziehen – nicht mitgerechnet die Beute aus Raubzügen sowie die "Steuern" und Schutzgelder, die sie von der Bevölkerung erpresst.

Der dritte Unterschied ist die geografische Nähe: Die stärkste islamistische Terrorarmee, die die Welt je gesehen hat, richtet sich an der Grenze des Nato-Mitglieds Türkei ein, mehrere Hundert ihrer Mitglieder sind melderechtlich in Frankreich, Großbritannien, Belgien oder Deutschland daheim.

Europa hat es also mit einem Destillat jener Bedrohung zu tun, die es vor zwölf Jahren gerechtfertigt erscheinen ließ, Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Warum dann lautet die Reaktionen heute "Bloß nicht!" statt "Jetzt erst recht"?

Weil es – oberflächlich betrachtet – keinen Anlass für eine Intervention gibt, dafür umso mehr schlechte Erfahrungen. Vor dem Einmarsch in Afghanistan stand der Schock des 11. September, einer apokalyptischen Attacke nicht nur auf Amerika, sondern auf die gesamte westliche Lebensweise. Und wohin hat die Reaktion geführt? Ins Desaster vom Hindukusch, ins "Nichts ist gut" der Theologin Margot Käßmann, wie die meisten Deutschen mittlerweile simplistisch nachbeten.

Doch beides, die Analyse der Ausgangssituation wie der Reaktion darauf, ist falsch. Die barbarischen Feldzüge des IS sind ein ständiger Angriff nicht nur auf die westliche Lebensweise, sondern auf die fundamentalsten Menschheitsregeln. Dass der Terror der Kindermörder, Moscheensprenger, Kopfabschneider und Vergewaltiger nicht mit dem Einschnitt 9/11 vergleichbar sei, erkläre man einmal ihren sicher weitaus mehr als 3.000 Opfern im Irak und in Syrien. Klar, man kann abwarten, bis IS spektakulär im Westen zuschlägt, nicht bloß als einsamer Pistolenschütze im jüdischen Museum in Brüssel. Bloß: Dass die Dschihadisten größere Fanale eher früher als später versuchen werden, sollte niemand bezweifeln.

Was nun das vermeintliche "Desaster" Afghanistan angeht, täte ein bisschen Differenzierung gut: Der eigentliche Kampf gegen Al-Kaida (nicht der Staatsaufbau, das ist ein ganz anderes Thema) war schnell und erfolgreich. Spätestens nach der Schlacht um die Höhlenfestung Tora Bora im Dezember 2001 war Bin Ladens Terrorgruppe in ihrer bisherigen, militärförmigen Struktur zerstoben, die wichtigsten Anführer nach Pakistan geflohen und ihre Söldner in alle Himmelsrichtungen verstreut. Al-Kaida wurde von einer Organisation zu einer Idee – auch die war mächtig, wie die Anschläge in Madrid und London zeigten; aber ihrer Heimstatt war sie beraubt. Einen Anschlag der Dimension 9/11 hat es nicht mehr gegeben.

Der schnelle Krieg gegen Al-Kaida war damals übrigens im Wesentlichen ein Stellvertreterkrieg: Keine gewaltige Interventionsarmee, sondern Spezialtruppen aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland unterstützten zusammen mit Geheimdienstlern die afghanische Nordallianz, halfen bei der Gefechtsplanung und koordinierten Luftschläge.

Dass der Westen heute vor einer vergleichbaren Intervention zurückschreckt, liegt daran, dass er nach dem erfolglosen nation building ausgebrannt und mental auf Rückzug programmiert ist, dass die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung in politische Versprechen gemündet ist – allem voran dem von Barack Obama, die USA aus der Bürgerkriegshölle Irak herauszulösen. Das ist verständlich. Aber ist es auch richtig? "Ein Appeaser", sagte Winston Churchill einmal, "ist jemand, der ein Krokodil füttert, in der Hoffnung, dass es ihn als letzten frisst."