Mit einer aufrüttelnden Pressekonferenz haben die Vereinigten Staaten für sich und ihre Alliierten neue Maßstäbe abgesteckt – für die "apokalyptische" Gefahr des IS, für die Bedrohung der nahöstlichen Region und der westlichen Welt sowie für die Dimensionen der erforderlichen Gegenwehr.

Die Botschaft der US-Regierung ist hart: Um die Brigaden des "Islamischen Staates (IS)" zu bekämpfen und eine Kernschmelze der arabischen Staatenwelt zu verhindern, sind wesentlich intensivere internationale Militäraktionen nötig – wahrscheinlich auch in Syrien. Die IS-Gotteskrieger sind "jenseits von allem, was wir bisher gesehen haben", sagten Verteidigungsminister Chuck Hagel und Generalstabschef Martin E. Dempsey und sprachen von einem "neuen Paradigma" der Bedrohung. "Sie verknüpfen Ideologie mit ausgefeilten strategischen und taktischen Fähigkeiten. Sie sind finanziell unglaublich gut ausgestattet." Um diese Langzeitgefahr zu kontern, müssten "alle Instrumente nationaler Macht – diplomatische, wirtschaftliche, geheimdienstliche und militärische" eingesetzt werden, erklärten die beiden Chefmilitärs. Offen ließen sie, ob damit auch Bodentruppen gemeint sind.


Die Planer im Pentagon wissen, dass sich IS nicht allein durch Luftangriffe bekämpfen lässt. Raketentreffer können Konvois, die einen Angriff vorbereiten, oder einzelne gepanzerte Fahrzeuge und Geschütze zerstören. Aus eroberten Städten jedoch lassen sich die Gotteskrieger aus der Luft nur vertreiben, wenn man ganze Wohnviertel in Schutt und Asche legt – eine Erfahrung, die die Bewohner der im Januar besetzten irakischen Stadt Falludscha bereits machen mussten. Ganze Straßenzüge liegen in Trümmern, mehr als 200.000 Einwohner sind geflohen. 

Grenzen des modernen Luftkampfs

Unter der Erde haben die Gotteskrieger Tunnel angelegt, die es ihnen erlauben, überraschend anzugreifen und sich sofort wieder zurückzuziehen. "Wir können sie nicht schlagen", sagte ein irakischer Offizier. "Sie sind wie Geister – sie tauchen auf, schlagen zu und sind Sekunden später wieder wie vom Erdboden verschluckt." Auch die Erfahrungen der Nato-Operationen in Libyen vor drei Jahren zeigen die Grenzen eines modernen Luftkrieges. Acht Monate Einsätze und nahezu 10.000 Angriffe waren notwendig, bis die bewaffneten Rebellen die 30.000 Elitetruppen Gaddafis in die Knie zwingen konnten. Den europäischen Alliierten ging zwischenzeitlich sogar die Munition aus, so dass die USA aushelfen mussten.

Die IS-Extremisten im Irak sind zudem bestens bewaffnet. Allein in Mossul fielen ihnen Waffen und Fahrzeuge amerikanischer Herkunft für 60.000 Mann in die Hände. Aus Beständen der syrischen Armee verfügen sie über mindestens 20 Panzer. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte schätzt die Zahl der Kämpfer inzwischen auf 50.000 Mann, darunter 12.000 Ausländer aus insgesamt 50 Staaten der Welt. Abertausende neuer Dschihadisten werden durch die IS-Siege im Irak angelockt. In Syrien und Mesopotamien kontrollieren die Extremisten inzwischen 40 Prozent des Territoriums, insgesamt eine Fläche von der Größe Großbritanniens.

"Wenn Sie mich fragen, ob IS geschlagen werden kann, ohne auch den Teil der Organisation in Syrien anzugreifen – die Antwort ist Nein", sagte Generalstabschef Martin E. Dempsey, der bisher stets vor einer militärischen Intervention gewarnt hatte. Luftangriffe in Syrien würden die USA und den Westen nach gut drei Jahren erstmals offen in den Bürgerkrieg hineinziehen, der bisher 191.000 Menschen das Leben gekostet hat. Anderenfalls behielte IS auf syrischem Territorium einen Rückzugsraum, von dem aus ihre Kämpfer weiterhin ungehindert in alle Richtungen operieren könnten.