In diesen Tagen ist es nicht einfach, sich als politisch gemäßigte Israelin zu outen. Als ich etwa meine Meinung über den Gaza-Krieg in den Zeitungen publizierte und den sozialen Netzwerken postete, erhielt ich von rechter und linker Seite, also von Pro-Israelis und Pro-Palästinensern, dermaßen viele Hassbotschaften, dass mich das schon sehr verblüffte.

Seit mehr als zehn Jahren rede und schreibe ich über den europäisch-israelischen Dialog, oft im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Ich kann inzwischen ziemlich genau den Unterschied erkennen zwischen einer Kritik an der israelischen Politik (die ich öfter teile), der Sympathie für all unschuldigen Opfer, (die ich entschieden teile) und jenem ignoranten, verallgemeinernden "Anti-Israelismus", der schnell in einen ausgewachsenen Antisemitismus kippt.

Der gegenwärtige Krieg in Gaza ließ wieder einmal den bösen Geist aus der Flasche. Friedensliebende Israelis (und von uns gibt es eine Menge) sind zwischen Skylla und Charybdis gefangen. Auf meinen Twitter- und Facebook-Accounts zeigte sich der böse Geist des Antisemitismus ziemlich entfesselt. Dort regierte unter den Kommentatoren der Hass, als ich meinen Schmerz über die vielen Opfer des Gaza-Krieges, und besonders für die Kinder unter ihnen, zum Ausdruck brachte. Mein Schmerz kannte keine Entschuldigungen. Er war nicht ausgewogen. Viele Nutzer leiteten daraus eine grundsätzliche Parteinahme ab. Andere, Europäer wie Araber, schrieben, die Juden würden an den Palästinensern einen Völkermord begehen.

Juden, wohlgemerkt! Nicht Israelis. Die Millionen Juden außerhalb Israels sind jedoch genauso wenig verantwortlich für diesen Konflikt wie die Zivilbevölkerung in Gaza. Dennoch werden sie angeklagt, bedroht und körperlich angegriffen, weil sie Juden sind. Ihre Schuld beruht angeblich auf ihrer Zugehörigkeit zu ihrem Volk. Jeder Amerikaner oder Syrer dagegen kann trotz der vielen toten Zivilisten durch die U.S. Army oder durch Assads Truppen sicher durch die Straßen von Paris, Rom oder Berlin laufen. Ein Jude aber kann nicht einmal unbehelligt eine Kippa tragen. Wenn das kein Antisemitismus ist, was ist es dann?

Genozid nennen die selbst ernannten Israel-Kritiker das. Und nicht etwa einen schmutzigen Krieg oder einen ausweglosen Schlagabtausch zwischen einer regulären Armee, die ihre Zivilbevölkerung schützen muss, und Terrorkämpfern, die mit Raketen auf völlig hilflose Menschen schießen. Damit kein Missverständnis entsteht: Die israelische Armee hat sicher übertriebene Härte an den Tag gelegt, als sie beim Angriff auf Hamas-Kämpfer und Raketenstellungen mehrere hundert Unschuldige tötete. Aber die Hamas platziert ihre Abschussrampen auch bewusst mitten unter ihrer Zivilbevölkerung. Diese unglücklichen Menschen in Gaza haben keine Luftschutzkeller, weil die dafür bestimmten Hilfsgelder abgezweigt wurden. Das Baumaterial für die Bunker wurde etwa lieber zur Stabilisierung der vielen Angriffstunnel der Hamas verwendet. Oft werden die Menschen zudem von der Hamas zum Bleiben gezwungen, nachdem sie von der israelischen Armee gewarnt wurden, sich in Sicherheit zu bringen.

Das sind Tatsachen. Und fürwahr, es ist kein sauberer Krieg auf beiden Seiten. Selbst Kriege wie dieser, für den es aus israelischer Sicht gute Gründe gibt, ihn zu führen, können zu einem schmutzigen Krieg ausarten. Das Recht auf Krieg schließt eben nicht das Recht im Krieg mit ein. Aber ist das Völkermord? Nein!

Der jüdische Genozid ist in den Hasspredigten bestimmter Araber und Europäer ein immer wieder vorkommender Topos. Sie wollen damit den Holocaust leugnen, von dem einige bereits denken, er sei eine Erfindung, die als Alibi für die Aggression Israels in der Region dienen soll. So würde ich gerne glauben, dass wenigstens in Deutschland kein Deutscher den Holocaust herunterspielen oder negieren möchte. Aber ich weiß, dass manche Deutsche genau dies beabsichtigen.

Ich frage mich außerdem, ob es möglich wäre, sich in Gaza für unschuldige Israelis starkzumachen. Oder ob es ungestraft bliebe, wenn dort jemand seine Trauer äußern würde über die Dutzende israelischer Kinder, die von palästinensischen Selbstmordattentätern in den letzten zehn Jahren ermordet wurden. Wohl kaum. Jegliche Opposition gegen den Krieg der Hamas mit den Israelis oder allein schon die Frage, ob dieser Krieg weise ist oder in eine Katastrophe mündet, wird dort als Verrat bestraft. Die Hamas bringt ihre eigene Bevölkerung durch Exekutionen zum Schweigen.

Gemäßigt zu sein, sagte Aristoteles, bedeutet noch nicht, sich exakt in der Mitte zu bewegen. Die Wirklichkeit kennt keine Symmetrie. Die Hamas ist schlimmer als jede Regierung, die Israel jemals hatte. Die Kämpfer von Hamas und Al-Kassam sind weitaus brutaler als die israelische Armee. Die Terroristen verstecken ihre Kämpfer hinter Kindern und bunkern ihre Waffenarsenale in Schulen und Krankenhäusern, sogar in Einrichtungen der Uno. Sie werfen Journalisten aus dem Land oder bedrohen sie, wenn sie es wagen, darüber zu berichten. Sie richten ihre Raketen gezielt auf israelische Kindergärten und Kliniken. Wenn sie eine Luftwaffe besäßen wie die Israelis und deren Artillerie-Stärke, würde das Massaker, das sie anrichteten, bei Weitem das in den Schatten stellen, was wir gerade in Gaza erleben.