ZEIT ONLINE: Herr Glasenapp, Sie sind momentan im Nordirak unterwegs. Wie sieht die Lage in der autonomen Kurdenregion aus?

Martin Glasenapp: Die Sicherheitslage in Sulaimaniyya, der zweitwichtigsten Stadt in der Autonomen Region Kurdistan, aber auch im näheren Umfeld ist relativ ruhig. Die Front ist zwar nur 20 Kilometer entfernt, es gibt viele Checkpoints der Kurden, auch zahlreiche Peschmerga-Kämpfer sind unterwegs. Aber die Menschen hier sind optimistisch, dass die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) aufgehalten werden kann. Wie nahe der Krieg ist, zeigen jedoch die Tausenden Flüchtlinge, die hier in den vergangenen Wochen angekommen sind. Täglich kommen weitere erschöpfte Menschen hinzu.

ZEIT ONLINE: Relativ ruhig? In Deutschland hat man einen ganz anderen Eindruck. Die Politik stellt die Situation als sehr dramatisch dar.

Glasenapp: Die kurdische Gesellschaft kennt Vertreibungen und Angriffe zur Genüge. Gewöhnen können sich die Menschen daran natürlich nicht, aber es stellt sich eine gewisse Routine ein. Seit 30 Jahren müssen sich die Kurden im Irak immer wieder gegen feindliche Milizen wehren. Niemand hier nimmt die Gefahr, die von IS ausgeht, auf die leichte Schulter. Panik ist jedoch nicht zu spüren. Das Leben verläuft relativ entspannt. In Sulaimaniyya, einer 807.000 Einwohner-Stadt, sind zum Beispiel die Geschäfte geöffnet, die Bevölkerung ist auf der Straße unterwegs.

ZEIT ONLINE: Für wie groß halten die Kurden die Gefahr, vom Islamischen Staat überrannt zu werden?

Glasenapp: Die Islamisten verbreiten schon Angst und Schrecken. Aber Augenzeugen, die an der Front waren, berichten mir, dass die Peschmerga in heftigen Kämpfen die IS abwehren konnten. IS rückt hier in der Region nicht mehr vor. Alle kurdischen Organisationen stehen zusammen und versuchen gemeinsam, IS zurückzudrängen. Die Kurden sind sehr zuversichtlich, dass dies auch klappt.

ZEIT ONLINE: Diese Zuversicht scheint die deutsche Politik nicht zu erreichen.

Glasenapp: Ich habe den Eindruck, dass die kurdische Regionalregierung die Spannung künstlich hochhält, um in den Verhandlungen mit der neuen Regierung in Bagdad über die Autonomie der Kurden maximale Forderungen durchsetzen zu können. Natürlich ist die IS-Bedrohung real für die Menschen hier, doch sie ist zugleich auch ein politisches Szenario der Kurden im aktuellen innerirakischen Streit über die Zukunft ihrer Autonomieregion.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wird vor allem über Rüstungslieferungen an die Peschmerga gesprochen. Was brauchen die Kurden im Nordirak?

Glasenapp: Ich denke, dass die Waffenfrage nicht entscheidend ist. Ein erfolgreiches Vorgehen gegen IS erfordert vor allem eine enge Kooperation zwischen irakischen Regierungstruppen und den Kurden. Das klappt bisher noch nicht reibungslos. Langfristig kann die Krise ohnehin nur politisch gelöst werden: Viele Menschen fordern eine Einheitsregierung aus Sunniten, Schiiten, Kurden und Minderheiten. Nur durch eine Einbeziehung der Sunniten, die sich von der bisherigen irakischen Regierung diskriminiert fühlten, lässt sich den islamistischen Milizen das Wasser abgraben.