Nach seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan überall in der heimischen Presse auf der Titelseite. Kritische Blätter griffen Erdoğan an, Zeitungen, deren Kurs der AKP-Regierung wohlgesonnen ist, berichteten dagegen neutral bis jubelnd über den Wahlsieg. Was es bei den türkischen Medien immer zu beachten gilt: Sie sind gespalten zwischen Anhängern und Gegnern der AKP. Die größten Medienunternehmen des Landes sind Konzerne, die gleichzeitig im Banken- und Versicherungswesen aktiv sind. Interessenverflechtungen sind somit vorprogrammiert, da die Wirtschaftsunternehmen an das Wohlwollen der Regierung gebunden sind.

Die regierungsnahe Akşam zeigt einen milde lächelnden, seinen Anhängern in Ankara zuwinkenden Erdoğan auf der Seite eins und titelt dazu: "Eine Revolution des Volkes". Direkt unter der Schlagzeile werden Bilder von Erdoğans Karriereweg gezeigt, er habe seit 2002 jede Wahl gewonnen und jede Hürde gemeistert, feiert das Blatt. Die Hymnen gehen im Innenteil weiter, eine Erdoğan-Erfolgsstory folgt auf die andere. Die abgehangene Opposition dagegen bekommt kaum Platz eingeräumt.

Die nationalistisch konservative Vatan lobt: "Er hat es ganz nach oben geschafft." Eine ausführliche Grafik zeichnet Erdoğans Erfolgsbilanz nach. Im ganzen Blatt ist kein kritisches Wort über den Wahlsieger zu finden.

Die oppositionsnahe Cumhuriyet verzichtet auf einen siegreichen Erdoğan als riesiges Aufmacherfoto. Stattdessen räumt sie dem CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, dem Chef der größten Oppositionspartei, ein Drittel der Titelseite ein. Kılıçdaroğlu warnt: "Wir sind hinter der Korruption her", auch die Bild-Zeitung wird auf der Seite eins zitiert: "Der Sultan hat gewonnen". Die Cumhuriyet berichtet, dass im letzten armenisch-türkischen Dorf, dem am Mittelmeer gelegenen Örtchen Vakıflı, und im westtürkischen Soma, wo im Mai bei dem verheerendsten Grubenunglück des Landes 301 Kumpel starben, der Erdoğan-Rivale Ekmeleddin İhsanoğlu die meisten Stimmen gewonnen hat. İhsanoğlu war der gemeinsame Kandidat der kemalistischen und nationalistischen Opposition, er erhielt am Sonntag 39 Prozent.

Auch die regierungskritische Zeitung Zaman verzichtet auf einen strahlenden Sieger auf der Titelseite. Stattdessen wird nüchtern festgestellt, dass der 12. Staatspräsident der Republik nun Erdoğan sei, daneben wird an das Zechenunglück erinnert, "Soma hat den Schicksalsschlag nicht vergessen", schreibt das Blatt. Damit spielt die Zaman auf Erdoğans misslungenes Krisenmanagement nach der Katastrophe an. Der Ministerpräsident hatte solche Unglücke als "normal" bezeichnet.

Das auflagenstärkste Boulevardblatt, die eher regierungskritische Posta, titelt: "Er ist jetzt neues Staatsoberhaupt" und: "Mit dieser Wahl hat sich für die Türkei ein neuer Vorhang geöffnet." Es lobt aber auch den dritten Kandidaten, Selahattin Demirtaş. Der Vorsitzende der Kurdenpartei HDP holte knapp zehn Prozent. "Auch er hat gewonnen", schreibt die Posta.

Die säkulare Hürriyet macht mit einem versöhnlichen Erdoğan-Zitat auf. Dieser hatte bei seiner Balkon-Rede nach dem Wahlsieg in Ankara gefordert, dass frühere Schuldzuweisungen "in der alten Türkei" bleiben sollen. Im Blatt selbst schreibt ein Kolumnist, dass der Regierungschef die Wahl zwar gewonnen habe, "aber Erdoğan wird damit nicht glücklich werden". Denn immerhin hätten ihn fast 50 Prozent der Türken nicht gewählt. Erst am Freitag, zwei Tage vor der Präsidentenwahl, trat der Hürriyet-Chefredakteur Enis Berberoğlu zurück. Zwar teilte der Verlag mit, der Rücktritt sei auf eigenen Wunsch erfolgt und habe keine politischen Gründe. Zuvor aber hatte der Ministerpräsident Kritik an der Doğan-Mediengruppe geübt, zu der Hürriyet gehört.

Erdoğans Triumph polarisiert die türkische Presse, lediglich die liberale Milliyet bleibt vergleichsweise nüchtern. In einer Sonderausgabe berichtet das Blatt am ausführlichsten und neutralsten über die Wahlen. Eine Frage aber stellen alle Zeitungen: Wie geht es jetzt weiter in der Türkei? Denn Erdoğan kann nicht Staatspräsident und Premierminister gleichzeitig sein.