Harold Macmillan, Englands Premierminister 1957-1963, wurde einmal von einem Journalisten gefragt, was den Kurs einer Regierung am meisten beeinflusse. Seine unvergessliche Antwort: "Events, my boy, events" – Ereignisse, mein Junge, Ereignisse!

Das Gleiche lässt sich auch von der Weltgeschichte sagen. Einschneidende Ereignisse verändern ihren Lauf – man denke nur an den 28. Juni 1914, als der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajewo ermordet wurden; an den 9. November 1989, den Tag des Berliner Mauerfalls; oder an den 11. September 2001, an dem die Terroristen der Al-Kaida zwei gekaperte Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center jagten.

Die Frage ist: Gehört auch der 17. Juli 2014 in die Reihe dieser Scharnierdaten, an denen die Weltgeschichte eine neue Richtung nimmt? An diesem Tag wurde über der Ostukraine die MH17 der Malaysia Airlines abgeschossen; allem Anschein nach von einer Buk-Rakete, die den prorussischen Separatisten vom großen Bruder in Moskau geliefert worden war und dann – absichtlich oder versehentlich – abgefeuert auf das Passagierflugzeug, in dem 298 Menschen den Tod fanden.

Ist damit das Kapitel beendet, in dem sich der Westen 25 Jahre lang bemüht hat, das postkommunistische Russland in ein konstruktives Verhältnis einzubinden? Beginnt ein neuer Kalter Krieg, diesmal in Form eines kalten Wirtschaftskrieges?

Binnen weniger Tage nach dem Abschuss der MH17 ist aus dem schwierigen Partner Putin ein Paria geworden. Im März annektierte er die Krim, seitdem versorgte er die Separatisten mit Waffen, ließ deren Verstärkung aus Russland zu und unterstützte sie propagandistisch mit Lügengespinsten, Gerüchten und Unterstellungen. Jetzt tat er wenig, um die Bergung der Toten zu erleichtern und die Plünderung ihrer Habseligkeiten zu verhindern (wobei allerdings auch der von Ukraines Präsident Petro Poroschenkos forcierte Feldzug gegen die Prorussen im Donbass wenig hilfreich war).

Die dritte Stufe der westlichen Wirtschaftssanktionen war die Antwort. Der Zugang russischer Banken zum europäischen Kapitalmarkt wird beschränkt, die Lieferung von Rüstungsgütern unterbunden und die Ausfuhr von Energie-Technologie mit einem Embargo belegt.

Die Entwicklung der vergangenen zwei Wochen löst in mir zwiespältige Gefühle aus. Einerseits finde ich, dass Europa nach dem Flugzeugabschuss zu zögerlich gehandelt hat. Andererseits bin ich der Ansicht, dass es mit den Wirtschaftssanktionen überreagiert, denn es wird dahinter keinerlei Exit-Strategie, keinerlei Vision sichtbar, was geschehen soll, wenn Putin sich durch den verstärkten Druck nicht beeindrucken lässt, sondern zum Knüppel der Gegensanktionen greift.

Beim Absturz der malaysischen Maschine sind vornehmlich Europäer zu Tode gekommen. Es wäre an der EU gewesen, alles dafür zu tun, dass die Bergung der Toten friedlich und pietätvoll hätte vor sich gehen können – und weder von separatistischen Kämpfern und gierigen Leichenfledderern noch von der ukrainischen Armee verzögert, gestört und geschändet. Unsere Luftwaffen hätten Stellungen der Separatisten außer Gefecht setzen müssen, und auch der Einsatz von drei oder vier der bisher noch nie ins Feld geschickten Battle Groups, unterstützt von der Nato, wäre zur Sicherung des friedhofsartigen, über 45 Kilometer sich erstreckenden Trümmergeländes nicht nur denkbar, sondern angebracht gewesen. Russische Militärs hätten solch einen befristeten, auf ein begrenztes Ziel ausgerichteten Einsatz durchaus beobachten können.