Eine türkische Version des Interviews finden Sie hier

ZEIT ONLINE: Die türkische Opposition hat wieder eine Wahl gegen Premierminister Tayyip Erdoğan verloren: Ekmeleddin İhsanoğlu, der Präsidentschaftskandidat, den unter anderem Ihre Partei unterstützt hat, bekam nur 38 Prozent der Stimmen. Dieses Ergebnis dürfte Sie nicht zufrieden machen.

Şafak Pavey: Natürlich nicht. Natürlich war das eine Niederlage für uns. Aus der Marktforschung wissen wir, dass keine Marke auf der Welt dem Konsumenten innerhalb von 30 Tagen bekannt gemacht werden kann, besonders dann nicht, wenn eine konkurrierendes Produkt seit zwölf Jahren auf dem Markt ist, und dieses Produkt mit außerordentlicher Werbung und viel Geld an den Mann gebracht wird. Dieses Wissen tröstet mich. Andererseits: Wir haben auch gesehen, was wir innerhalb eines Monats mit unseren bescheidenen Mitteln geschafft haben. Wie viele Stimmen würden wir wohl unter normalen Umständen bekommen?

Aber jetzt würde ich Ihnen gern einmal die Dinge aufzählen, die überall auf der Welt eine Regierung zum Stürzen gebracht hätten. Nur bei uns führen sie dazu, dass die Regierung noch stärker wird. In der Türkei scheint es da eine andere Dynamik zu geben:

Wir haben Korruption; keine Arbeitssicherheit, dafür Tausende tote Arbeiter; der IS wird von uns mit Waffen beliefert; aufgrund von mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und aus politischer Sympathie für Dschihadisten befinden sich eine Reihe unserer Diplomaten im Irak in Geiselhaft; unsere Grenzen sind zu Sieben geworden; unsere Handelsbeziehungen zu unseren Nachbarn Irak und Syrien sind zum Erliegen gekommen; krankhaftes Lügen ist bei uns eine Form der Regierungsführung geworden; jede Art von Opposition und Widerspruch wird bei uns gleich zu einer globalen Verschwörung; andere Ethnien und Religionen werden angefeindet; die Machthaber sehen das staatliche Schatzamt als ihre persönliche Kasse an; Gewalt gegen Frauen wird als verzeihlich angesehen, sie ist einfach "kulturbedingt"; die Unterschiede zwischen Arm und Reich wird immer größer; unsere Medien sind gefesselt; ein Braindrain unserer Besten; wir haben eine Justiz, die dazu degradiert wird, Sultansfatwas auszusprechen; unsere Beziehung zu anderen Staaten, ja zu unseren eigenen Bürgern ist auf dem Nullpunkt.

All das hat die Wähler der AKP nicht zum Umdenken gebracht – und sie wiederum haben es geschafft, das Volk glauben zu lassen, dass ihre Interessen auch seine seien. Ein großer Teil des Volkes wollte nicht, dass wir seine Rechte verteidigen.

ZEIT ONLINE: Was war denn Ihr Fehler?

Pavey: Unser Fehler war, mit einem Kandidaten in die Wahl zu gehen, der von 14 Parteien unterstützt wurde. Die AKP konnte so sagen: Seht her, 14 Parteien gegen uns, wir kämpfen allein – und gewinnen auch noch. Obwohl sie so stark ist, konnte sich die AKP als Underdog präsentieren. Sie konnte wieder eine Legende entwickeln, und wir haben sie ihr geschenkt.

Obwohl ich es immer noch für eine gute Idee halte, dass die Opposition einen gemeinsamen Kandidaten aufstellt, war es ein Fehler, alle möglichen Parteien in das Unterstützungsnetzwerk zu holen, etwa islamistische Parteien wie die BBP, deren Anhänger Erdoğan gewählt haben. Es war der Versuch, das Gefüge der Türkei mit einer letzten Hoffnung zusammenzubringen.

ZEIT ONLINE: Ihr Kandidat ist ein respektierter und international anerkannter Diplomat und Gelehrter. Warum konnte er den Wähler nicht überzeugen?

Pavey: Er hat es nicht geschafft, das Vertrauen der Wähler zu bekommen, die eine starke Schulter gesucht haben. Der Wähler wollte einen Retter. Es hat nicht geklappt. Die Zeit des Versuchs, zu einigen, das Polarisieren abzuwehren, Kompromisse zu suchen und besonnen zu handeln, ist nun vorbei. Was ich als Abgeordnete aller Bürger, die sich allein gelassen und in Sorge fühlen, gelernt habe, ist: Wir hätten bei der Suche nach einer Wahlstrategie uns allein auf ihre Ängste konzentrieren müssen.

ZEIT ONLINE: Immer wieder war zu lesen, dass die Basis Ihrer Partei und die der MHP, der zweitgrößten Oppositionspartei, den gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten nicht gut genug unterstützt haben.

Pavey: Der CHP-Wähler ist mit einer unglaublichen Treue zur Wahlurne gegangen – im Gegensatz zum AKP-Wähler übrigens. Das Umfrageinstitut Ipsos Mori hat herausgefunden, dass unsere Wähler und die der HDP die fleißigsten Wähler waren. Das Institut hat aber auch herausgefunden, dass 27 Prozent der MHP-Wähler ihre Stimme Erdoğan gegeben haben.

ZEIT ONLINE: Einige Abgeordnete Ihrer Partei haben versucht, den eigenen Kandidaten zu verhindern. Sie verfassten eine Erklärung, in der es hieß, İhsanoğlu sei nicht laizistisch und demokratisch genug, er würde den Prinzipien Atatürks nicht gerecht. 43 CHP-Abgeordnete unterschrieben diese Erklärung.

Pavey: Ja, aber diese unsere Freunde haben bis zum Ende der Wahl nicht mehr gesprochen. Einer unserer bekanntesten Abgeordneten, Muharrem Ince, hat, obwohl er erklärte, dass der Kandidat nicht seine Wahl war, bis zum Schluss Wahlkampf für ihn gemacht. Nicht so, wie die AKP-Abgeordneten, die überhaupt keinen Wahlkampf für ihren Kandidaten gemacht haben. Tayyip Erdoğan kennt diese Leute alle namentlich und wird sie beseitigen.