Die Algerier hielten sich bislang auffällig zurück, nicht zuletzt wegen interner, machtpolitischer Querelen zwischen dem Präsidenten und dem Sicherheitsapparat. Letzterer ließ aber inzwischen durchsickern, dass hochrangige Militärs und Geheimdienstler einen ständigen Krisenrat mit ihren Counterparts in Kairo etabliert haben. Algier lehnt laut offiziellen Verlautbarungen ein militärisches Eingreifen des Westens in Libyen ab, setzt aber auf eine "regionale Lösung", in die die Nachbarstaaten eingebunden sind. Was das im Detail bedeuten könnte, zeichnet sich immer klarer ab. Ägypten und Algerien sind die einzigen Nachbarn Libyens, die dort etwas ausrichten könnten. Oder hofft jemand auf die Macht Tunesiens, Nigers oder des Tschads?

Algerien und Ägypten haben starke, gut gerüstete Armeen. Und laut Informationen aus algerischen Zeitungen, die freilich mit Vorsicht zu genießen sind, hat die algerische Armee bereits im Januar begonnen, sich Kampfdrohnen zu beschaffen – im Gespräch waren damals russische Modelle. Damit will Algier seine rund 6.500 Kilometer Wüstengrenzen überwachen, was durchaus nachvollziehbar ist. Nicht auszuschließen, dass Algerien damit in Libyen ebenso aktiv werden könnte wie im Nachbarland Tunesien, das ebenfalls vor einer wachsenden Gefahr durch dschihadistische Kämpfer steht.

Die beiden militärischen Regimes in Algier und Kairo müssen sich entscheiden, ob sie die Dschihadisten im Maghreb permanent und über Grenzen hinaus bekämpfen wollen oder einfach versuchen, sie in den Nachbarstaaten einzudämmen und dort zu halten – Containment lautet dafür der Fachbegriff. 

Arabisches Problem, arabische Lösung

Fest steht, dass beide Regierungen in der Wahl der Mittel nicht als nachsichtig gelten, schon gar nicht, wenn es um Islamismus geht. Letztendlich ist dieser Kampf auch die Raison d’être, die selbst verliehene Existenzberechtigung dieser autoritären, militaristischen Systeme. Eine Intervention in Libyen wäre mit Risiken verbunden, denn dass die libysche Bevölkerung sie als Retter in die Arme schließt, ist alles andere als sicher. Libyer ändern hin und wieder ihre Meinung. Die beiden Armeemächte in Nordafrika könnten damit aber große Reputation gewinnen, indem sie zeigen, dass arabische Staaten ein arabisches Problem angehen. Und zwar mit arabischen Methoden.

Eine erfolgreiche Mission würde sie womöglich sogar zu neuen Führungsmächten in der arabischen Welt machen – eine Rolle, die sie nach Jahrzehnten außenpolitischen Siechtums schon lange nicht mehr gespielt haben.

Dem Regime in Damaskus käme das gelegen – nicht nur, weil für die nächsten Monate die Aufmerksamkeit der Weltpolitik vom Irak nach Libyen wanderte, und zwar an Syrien vorbei. Assad hat in Algier und Kairo nämlich zwei stille, zuverlässige Verbündete. Beide pflegen eher altmodische Vorstellungen von Stabilität und Staatsraison. Aufstände, Revolutionen, Islamismus und Angriffe auf den Zentralstaat sind ihnen ein Graus – Menschenrechte eine seltsame Marotte westlicher Diplomaten. Auch deshalb arbeiten sie seit Monaten an Assads Rehabilitation und daran, dass in der arabischen Welt möglichst bald alles wieder so werde, wie es einmal war.