Die Serie grausamer Hinrichtungen in den USA hält an. Anfang dieses Jahres hatten neue Mixturen von Betäubungsmitteln und Giften zwei Mörder in Oklahoma und Ohio quälend langsam zu Tode gebracht. Ende April erlag der Gewalttäter Clayton Lockett in Oklahoma nach Abbruch einer "letalen Injektion" einem Herzinfarkt. Und am 23. Juli zog sich die Hinrichtung von Joseph Wood in Arizona fast zwei Stunden lang hin. Die Vollstrecker wandten dabei genau jene Mischung der Medikamente Midazolam und Hydromorphon an, die zur Tortur in Ohio geführt hatte. Tags zuvor hatte das Verfassungsgericht in Washington ein Berufungsurteil aufgehoben, das die Hinrichtung bis zu der Klärung zweier Fragen aufgeschoben hatte: Woher stammen die Drogen, und wurde das für die Hinrichtung vorgesehene Personal in deren korrekter Anwendung geschult?

Vorgebracht hatten diese Fragen Anwälte von Verurteilten und Gegner der Todesstrafe. Sie gehen seit Jahren gezielt gegen letale Injektionen vor. Die jüngsten Fälle qualvoller Hinrichtungen haben in den USA breite Empörung ausgelöst. So nannte der katholische Erzbischof Paul Coakley in Oklahoma City die dortige Episode im April ein schockierendes Beispiel für die Brutalität der Todesstrafe. Gesetzesbrecher sollten auf eine Weise zur Rechenschaft gezogen werden, die nicht zu einer "Kultur des Todes" beitrage. Coakley fordert deshalb ein sofortiges Moratorium für Hinrichtungen und deren landesweite Abschaffung. Ähnlich argumentierte im Juli auch ein Bundesrichter in Kalifornien, der die unübersichtliche und von jahrzehntelangen Wartezeiten geprägte Praxis der Todesstrafe in seinem Bundesstaat als verfassungswidrig bezeichnete.

Statistiken zeugen von einer tiefen Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft bei Todesurteilen und deren Vollstreckung. So verzichten 18 Bundesstaaten auf diese Strafe, während eine Handvoll im Süden und Mittleren Westen den Großteil der 1.385 Hinrichtungen seit 1977 durchgeführt hat. Texas liegt dabei mit 550 Exekutionen einsam an der Spitze, gefolgt von Oklahoma und Virginia mit je rund 110. Die besonders hohe Zahl für Texas geht nicht nur auf die dortige Haltung von Staatsanwälten, Richtern und Jurys zurück, sondern auch auf die Abkürzung des ansonsten üblichen Rechtswegs, der im Rest des Landes zu den von dem kalifornischen Richter gerügten Wartezeiten geführt hat: Im "Lone Star State" können Todeskandidaten ihren Verzicht auf Einsprüche und Gnadengesuche erklären. Davon machen erstaunlich viele Verurteilte Gebrauch. Laut der Rechtsprofessorin Meredith Martin Rountree handeln diese "Freiwilligen" jedoch vorwiegend aus einer Depression oder Verwirrung heraus, sind also nicht mehr ganz im Besitz ihrer geistigen Kräfte. In Texas verweigert die Justiz den Verurteilten auch die traditionelle Henkersmahlzeit.

Dabei haben Initiativen wie das Death Penalty Information Center (www.deathpenaltyinfo.org) und das 1992 von dem Staranwalt Barry Scheck gegründete Innocence Project (www.innocenceproject.org) längst nachgewiesen, dass ein hoher Prozentsatz der Verurteilten unschuldig ist. Das Innocence Project hat über 300 Todeskandidaten befreit, im Durchschnitt erst nach 13 Jahren Haft. Für den Texaner Cameron Todd Willingham kommt jedoch jede Hilfe zu spät. Zehn Jahre nach seiner Hinrichtung hat die "Washington Post" den spektakulären Fall Anfang August erneut aufgerollt und starke Argumente für die Unschuld Willinghams an der Ermordung seiner drei kleinen Töchter im Jahr 1991 vorgelegt.

Fälle wie dieser erklären den allmählichen Stimmungswandel in Amerika, was die Todesstrafe anbelangt. Unterstützten noch 1996 vier Fünftel der US-Bürger Hinrichtungen, sind es heute nur mehr 60 Prozent. Andererseits reflektieren die Statistiken die tiefe Verankerung der Problematik in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der USA seit der Nixon-Ära. Das Verfassungsgericht hat 1972 die Vollstreckung von Todesurteilen untersagt, weil die damals vorwiegend mit dem elektrischen Stuhl und der Gaskammer, aber auch mit dem Galgen und von Erschießungskommandos durchgeführte Praxis gegen das konstitutionelle Verbot "grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung" verstieß. Darauf bezieht sich der achte Zusatz der amerikanischen Verfassung. Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl von Hinrichtungen bereits stetig gesunken, und zwar von unter 60 im Jahr 1960 auf eine Handvoll im Jahr 1966. Anschließend unterblieben Exekutionen.

Nachdem das oberste Gericht das Moratorium 1976 aufgehoben hatte, nahm die Zahl der Hinrichtungen erst zögerlich zu, um dann nach 1990 auf bis zu 98 jährlich emporzuschnellen. Seit der Jahrtausendwende geht die Zahl jedoch wieder langsam auf etwa 40 per annum zurück, und allmählich schaffen immer mehr Bundesstaaten diese Strafform ab. In Texas und den anderen Hochburgen der Todesstrafe ist eine Änderung jedoch nicht absehbar, obwohl auch dort Bürgerrechtler, Mediziner und Juristen dagegen ankämpfen.

Die Rückkehr Amerikas zu Hinrichtungen begann mit dem von Richard Nixon ausgerufenen "Krieg gegen Drogen" und den damit einher gehenden Law-and-Order-Kampagnen konservativer Politiker. Die neuere Forschung – wegweisend war hier der Bestseller der Rechtsprofessorin Michelle Alexander The New Jim Crow (2010) – beschreibt dies als Reflex auf die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung und den Strukturwandel in der amerikanischen Volkswirtschaft: Von den Fortschritten farbiger Minoritäten, den Aufständen in schwarzen Großstadtvierteln und dem gleichzeitigen Niedergang des produzierenden Gewerbes verunsichert, nahmen weiße Wähler auch in traditionell eher liberalen Industriestaaten wie Ohio die Versprechen konservativer Politiker dankbar auf, mit neuen, drakonischen Strafgesetzen hart gegen Gangster und Unruhestifter durchzugreifen.