Amnesty International hat die EU-Mitgliedstaaten aufgefordert, mehr Verantwortung für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer zu übernehmen. "Wenn die EU weiterhin zu ihren ureigenen Werten, nämlich den Menschenrechten, stehen will, darf sie das Sterben im Mittelmeer nicht weiter hinnehmen", sagte die Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, Selmin Çalışkan. Alle Mitgliedstaaten müssten endlich Verantwortung übernehmen – auch Deutschland.

Amnesty kritisiert in einem Bericht zur Flüchtlingssituation (PDF) vor allem, dass Italien bei der Rettungsmission Mare Nostrum weitgehend alleingelassen werde. Die Mission war vor einem Jahr nach den Unglücken vor der Insel Lampedusa mit hunderten Toten von Italien mit dem Ziel gestartet worden, Flüchtlinge möglichst frühzeitig aufzugreifen.

Mangels Beteiligung anderer EU-Staaten will Italien den Einsatz allerdings zurückfahren. Die EU-Kommission hat zwar zugesagt, dass die europäische Grenzschutzbehörde Frontex die Mission ersetzen soll. Doch Geld und Schiffe werden aus den Mitgliedstaaten nur zögerlich gestellt. Der für Europa und Zentralasien zuständige Amnesty-Leiter John Dalhuisen sagte, es müssten "dringend" eine höhere Zahl an Rettungs- und Suchbooten bereitgestellt werden. Frontex müsse mit ausreichend Geldern sowie "Marine- und Luftressourcen" ausgestattet werden.

In diesem Jahr sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration 3.072 Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Damit wurde der bisherige Höchststand von 2011 deutlich übertroffen. Im gesamten letzten Jahr starben 2.360 Menschen bei der Überquerung. Vor allem aus Syrien, Eritrea und Libyen fliehen immer mehr Menschen, häufig in überfüllten Booten, die für die Überfahrt nicht geeignet sind.