Die vergangenen sieben Jahre habe ich als ZEIT-Korrespondent in Washington, D.C. gelebt. Deutschland, stelle ich jetzt nach meiner Rückkehr fest, hat sich in dieser Zeit stark gewandelt, es ist bunter, aufgeschlossener, vielfältiger und selbstbewusster geworden. Doch eines hat sich nicht geändert: Gegenüber Amerika hegen viele Deutsche nach wie vor ein starkes (Vor-)Urteil. Fast jedes politische Gespräch mündet schon nach wenigen Minuten in einer Generalanklage der amerikanischen Politik. Fast immer geht es sofort um die Spionagetätigkeiten des US-Geheimdienstes NSA und die Missstände im Gefangenenlager Guantánamo.

Und nun das! Erst kommt heraus, dass der Bundesnachrichtendienst ebenfalls überall ziemlich ungeniert herumschnüffelt. Und seit diesem Sonntag muss sich auch Deutschland den Guantánamo-Spiegel vorhalten lassen.

Polizei und Staatsanwaltschaft aus Nordrhein-Westfalen präsentierten Fotos, die Misshandlungen von Asylbewerbern dokumentieren. Der Verdacht: Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes haben Flüchtlinge geschlagen, gedemütigt und schikaniert. Gegen vier von ihnen wird inzwischen wegen schwerer Körperverletzung ermittelt.

Ein Foto zeigt einen Wachmann, der einen gefesselten und am Boden liegenden Asylbewerber mit seinem Stiefel in den Nacken tritt. Und auf einer Videoaufnahme soll zu sehen sein, wie zwei Sicherheitsleute einen Flüchtling zwingen, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen. Der entsetzte Kommentar des Hagener Polizeipräsidenten Frank Richter: "Das sind Bilder, die man sonst nur aus Guantánamo kennt."     

Der Fall wirft zwei ewige Fragen auf. Die erste, pragmatische Frage lautet, ob Flüchtlingsunterkünfte überhaupt in die Obhut eines privaten Sicherheitsdienstes gehören. Zweifel an einer solchen "Auslagerung" der Sicherheit kamen bereits in den neunziger Jahren auf, als das Asylrecht und das Asylverfahrensrecht radikal verschärft wurden. Damals stellten etliche Abschiebeeinrichtungen private Wachmänner ein und immer wieder kam es zu Übergriffen.

Prinzipiell sollten derartige Aufgaben von Beamten wahrgenommen werden, denn die Gewährleistung von Sicherheit ist schließlich eine hoheitliche Aufgabe. Nicht, dass Beamte gegen Exzesse immun wären. Vor vielen Jahren zum Beispiel exerzierten Polizisten einer Hamburger Wache an ausländischen Drogendealern Scheinerschießungen. Sicherheitsleute, egal ob sie einem privaten oder staatlichen Dienstherrn gehorchen, neigen zu Corpsgeist und rabiatem Handeln. Das bringt ihr Job leider oft zwangsläufig mit sich. Wer es tagtäglich mit einer schwierigen Klientel zu tun hat – und auch Asylbewerber sind nicht immer nur nette, schutzbedürftige Menschen –, sammelt gewaltigen Frust an und verliert irgendwann die Geduld.   

Doch anders als private Unternehmen weiß der Staat um diese Risiken und versucht so gut wie möglich vorzubeugen. Er wählt sein Sicherheitspersonal sorgfältiger aus, trainiert es jahrelang in der Konfliktbewältigung und Deeskalationsstrategie. Private Sicherheitsfirmen sind da weit nachlässiger. Die zweite ewige Frage ist eine grundsätzliche und sie zielt auf unseren Umgang mit dem weltweiten Flüchtlingselend. Selbstverständlich darf und muss über die richtige Asyl- und Flüchtlingspolitik gestritten werden. Doch seit Monaten ist wieder einmal nur von einer Last die Rede, werden Gesetzesverschärfungen gefordert und wird viel zu selten von der Pflicht zu helfen gesprochen.