Michail Chodorkowski hat in den vergangenen Tagen einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seit er am Wochenende in Paris die Internetplattform Open Russia ins Leben gerufen hat, wird über die Pläne des im Dezember freigelassenen Ex-Oligarchen spekuliert. Will er in die russische Politik gehen, eine Oppositionsbewegung gegen Präsident Wladimir Putin schmieden und gar in den Kreml ziehen? Nun sitzt der ehemalige Jukos-Besitzer in Berlin vor den neugierigen Journalisten. 

Man erwartete einen ambitionierten Putin-Herausforderer. Den Saal betritt aber ein bescheidener Realist, der langsam bis unsicher redet, jedes Wort abwägt und laute Äußerungen vermeidet. Schnell stellt sich heraus: Chodorkowskis Ziele und die seines Projekts sind ebenso bescheiden. Ein Satz genügt, um den ganzen Anspruch deutlich zu machen: "Zwischen einer schlechten Staatsduma und einer schauderhaften Staatsduma gibt es doch einen gewissen Unterschied." Mit anderen Worten: Der ehemalige Oligarch will den Menschen, die "europäische Werte teilen, gebildet und städtisch sind" das Leben unter Putin ein bisschen erleichtern, die Lage in Russland von "schauderhaft" zu "schlecht" verbessern. Wie soll das funktionieren?

Er wolle Open Russia zu einer Plattform machen, die diesen "europäischen" Kräften hilft, sich zu konsolidieren und zu organisieren – 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung, schätzt er, könne man so erreichen. Gemeinsam würden sie ihre Interessen besser durchsetzen können, allerdings macht sich der frühere Ölmagnat keine Illusionen: Ihr Einfluss werde dennoch sehr gering sein. Innerhalb eines deutlich autoritären Regimes sei das Fenster der Möglichkeiten nicht sehr weit geöffnet, aber eben auch nicht vollständig geschlossen, sagt Chodorkowski. Bei Fragen, die für die Staatsmacht keine entscheidende Rolle spielen, könne es leichter gelingen: Gelinge es dann, aus der Gesellschaft heraus starke Signale zu senden, würde die Führung diese Meinungen berücksichtigen, wenn auch zähneknirschend. Eine politische Partei zu gründen, hält Chodorkowski dagegen für aussichtslos – bei Wahlen, egal auf welcher Ebene, hätte sie keine Chancen, sagt der Ex-Oligarch, sie würde gar nicht erst zugelassen.

Alles dreht sich um den Gedanken, dass die Opposition jetzt einfach abwarten muss, auch wenn Chodorkowski das explizit nicht so formuliert. Dass sie sich ihren schmalen Existenzrahmen bewahren muss, bis die Regierung selbst scheitert. Um dann – gestählt und erfahren – ihre Sternstunde nicht zu verpassen. Ob diese Stunde aber in zwei oder in 20 Jahren komme – das sagt Chodorkowski schon deutlich – könne niemand vorhersagen.

Ob alle oppositionellen Kräfte im Land diese auf langfristige Ergebnisse zielende Strategie für richtig halten, ist eine offene Frage. Chodorkowski steht genau zwischen jenen Oppositionellen, die absolut enttäuscht sind und gar nicht mehr glauben, irgend etwas verändern zu können, und denen, die immer noch für schnelle Veränderungen kämpfen.

Der Westen soll lieber der Ukraine helfen

Das Deutsch-Russische Forum (DRF), das Chodorkowski eingeladen hatte, will auch in schwierigen Zeiten den Dialog mit Russland aufrecht erhalten, ist aber in jüngster Zeit eher in Verdacht geraten, Lobbyarbeit für den Kreml zu betreiben. Wohl auch deshalb unterstrich der frühere Brandenburgische Regierungschef und Vorsitzende der Organisation, Matthias Platzeck, zur Begrüßung: "Die Einladung an Sie (Chodorkowski, Anm.d.Red.) ist für mich eine Bestätigung, dass das DRF dafür steht, was es sich von Anfang an seiner Tätigkeit zur Aufgabe gemacht hat: nämlich eine offene Plattform zu bieten für diejenigen, die sich für Russland interessieren, mögen sie staatsnah oder staatsfern sein." Letzteres war bislang die Ausnahme geblieben: Kremlkritische Russen und Vertreter der Zivilgesellschaft kamen kaum vor, der Dialog beschränkte sich vor allem auf Veranstaltungen mit hochrangigen russischen Politikern. Putin-Erklärer Alexander Rahr, der als Moderator auf Putin-Kritiker Chodorkowski trifft – das mag vielleicht nicht die Ideallösung sein, aber ein Anfang ist nun gemacht.

Verschwörungsideologen und kremlvernarrte Trolle sind derzeit aus keiner Diskussion über Russland fernzuhalten, ob im Internet oder bei einer Veranstaltung wie der in Berlin. Auch diesmal ging es nicht ohne. Christoph Hörstel, Journalist und Aktivist, der gern bei jeder Gelegenheit ganz grundsätzlich gegen die westliche Politik wettert, fragte den Gast: "Nachdem Sie in Russland gescheitert sind, wollen Sie jetzt vom Ausland aus mithilfe westlicher Regierungen Ihren Landesverrat fortsetzen?" Chodorkowski blieb ruhig: "Es gibt Menschen, die Russland und das Regime, das ein weiteres gefährliches Experiment mit unserem Land anstellt, gleichsetzen. Russland zu lieben und dieses Regime zu lieben, das mein Land in die falsche Richtung führt – das sind zwei verschiedene Dinge."

Außerdem bitte er die westlichen Regierungen nicht um Hilfe für seine Aktivitäten. Sie könnten aber dazu beitragen, dass die Russen die europäischen Werte besser verstünden, die wegen der Propaganda in Russland zu wenig darüber wüssten. Der Westen müsse auch konsequent darauf verzichten, Menschen und Organisationen zu unterstützen, die das russische Volk ausrauben – nicht nur unter bestimmten politischen Umständen. "Es wäre schön, wenn unsere westlichen Freunde zeigten, dass Werte nicht vom ökonomischen Profit abhängen", sagt Chodorkowski. Und bei allen Konflikten solle der Westen die Tür dennoch weiter offen halten.

Seine Probleme aber müsse Russland selbst lösen, sagt der frühere Oligarch. Der Westen könne keinen Einfluss nehmen, er solle stattdessen lieber der Ukraine helfen, ein erfolgreiches Land zu werden.