Noch ist in Polen die Aufregung über die Nominierung von Donald Tusk zum EU-Ratspräsidenten nicht vorüber. Die Zeitungen schreiben über "den größten Erfolg Polens in der europäischen Politik seit Jahrhunderten". Politiker von links bis rechts gratulieren dem polnischen Premierminister. Selbst dessen Erzrivale Jarosław Kaczyński, Vorsitzender der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), findet mittel-freundliche Worte. Tusk sei zwar ein "schlechter, sehr schlechter" Premierminister gewesen, so Kaczyński. Er freue sich aber, dass ein Pole so einen hohen Posten bekommen habe. 

Ob Rechtsliberale, Rechtskonservative oder Postkommunisten – alle hoffen jetzt, Tusk könne mit dem neuen Posten den polnischen Einfluss auf den Westen verstärken und ein härteres Vorgehen gegen Russland durchsetzen. Der Krieg in der Ukraine weckt in Polen schließlich die schlimmsten Erinnerungen. Laut Umfragen haben 80 Prozent der Polen Angst vor einer russischen Aggression gegen ihr Land.

Bei allem Nationalstolz wirkt die polnische Opposition aber zugleich völlig überrascht von Tusks Nominierung. Dafür gibt es auch einen guten Grund: Schließlich hat Tusk monatelang versichert, er denke nicht ernsthaft über einen Wechsel von Warschau nach Brüssel nach. "Für mich ist Polen am wichtigsten, ich bleibe hier", versicherte er mehrmals. Nun will er höchstens noch bis Ende September Premierminister bleiben und am 1. Dezember als Vorsitzender der Bürgerplattform (PO) abtreten.

Für Tusk kam die EU-Ratspräsidentschaft gerade noch rechtzeitig. Denn in Polen wurde er zuvor immer unbeliebter.  Nur noch 30 Prozent der Polen vertrauen ihm, so wenige wie noch nie in seiner siebenjährigen Amtszeit. 

In Brüssel kam er nach seiner Nominierung am Samstag dagegen zumindest bei den Journalisten gut an. "I will polish my English", antwortete er auf die Frage nach seinen mangelnden Sprachkenntnissen und alles lachte. Diese Lockerheit ist typisch für ihn. Seit Jahren pflegt er das Image eines coolen Typen, mit dem  jeder gerne befreundet wäre.

2005, als er bei der Präsidentschaftswahl antrat, wurde ihm dieser Wesenszug sogar zum Verhängnis. Im Vergleich zu seinem Konkurrenten Lech Kaczyński, dem Zwillingsbruder von Jarosław, wirkte er zu jugendlich. Tusk verlor die Wahl und lernte seine Lektion. Als ein Jahr später ein deutsches Fernsehteam den begeisterten Fußball-Fan bat, auf ein Tor zu schießen, lehnte er sehr zum Ärger des Kameramannes ab.

2007 gewann Tusk zwar die Wahl, hatte aber noch immer mit dem Bild eines netten, aber etwas faulen Politikers zu kämpfen, der sich in erster Linie für Fußball interessiert. Bis heute wirft man ihm vor, wichtige Reformen zum Beispiel im Finanzbereich nicht durchgesetzt zu haben. Ein weiterer Fehlgriff: Um die Verschuldung abzubauen, verstaatlichte die Regierung die private Rentenversicherung. Der Schuldenstand konnte so zwar um 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt werden, doch irgendwann wird der Staat dieses Geld seinen Rentnern zurückzahlen müssen. Für die zukünftigen Rentner hat dies zudem den Nachteil, dass die Höhe ihrer Bezüge künftig von der Politik bestimmt wird.