Mehr als 300 Millionen Euro stellt das Gesundheitsministerium pro Jahr für seine Therapieeinrichtungen zu Verfügung, die Kosten pro Patient liegen zwischen 100.000 und 200.000 Euro. Behandelt werden nur Saudis, süchtige Migrantenarbeiter dagegen verhaftet und abgeschoben. Bis zu zwei Jahre dauert ein kompletter Entzug, sechs Monate davon stationär, die übrige Zeit außerhalb der Klinik in einem therapeutischen Wohnhaus oder betreut durch eine Suchtambulanz. "Beim Drogenentzug gehören wir zu den Pionieren der Golfregion", sagt Chefarzt Osama Ahmad Alibrahim. Dschiddas Al-Amal-Klinik wurde bereits 1980 gebaut. Zwischen den sechs beigen Patienten-Bungalows auf dem weitläufigen Gelände liegen Schwimmbad und Turnhalle, Krafträume und Werkstätten, Moschee und traditionelles Beduinenzelt als Treffpunkt der Patienten. Wer sich hier zur Therapie anmeldet, darf während der ersten sechs Monate das mit einer hohen Mauer umgebene Gelände nicht verlassen. Zweimal pro Woche kann die Familie kommen, Handys sind verboten, selbst dem Personal ist das Rauchen auf dem gesamten Areal untersagt.

80 Mediziner, Psychologen, Drogenberater und Sozialarbeiter kümmern sich um die Suchtkranken zusammen mit 220 Krankenpflegern. Viele Therapeuten haben einen Teil ihrer Ausbildung in Europa, Kanada oder den Vereinigten Staaten absolviert. Die Behandlung folgt internationalem Standard, "etwas modifiziert und an unsere Gesellschaft angepasst", wie es die Klinikleitung formuliert. So sind speziell geschulte islamische Theologen mit im Team, die mit den Patienten vor allem über ihre tief sitzenden, religiösen Schuldgefühle reden. In der Kunsttherapie dagegen stehen die Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung im Mittelpunkt. Die einen illustrieren sich während ihrer Drogenzeit als lebende Skelette, die anderen als Beinamputierte mit Heroinspritzen als Prothesen oder als Todgeweihte, die im schwarzen Sumpf versinken, umringt von Fixerbesteck, Whiskyflasche und Captagon-Aufputschtabletten. 72.000 Patienten haben die saudischen Drogenkliniken nach einer eigenen internen Statistik bisher behandelt, die Rückfallquote jedoch ist hoch und liegt offenbar bei 70 Prozent.

Acht solcher staatlicher Therapiezentren hat das Königreich in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet mit insgesamt rund 900 Plätzen. Zehn weitere Suchtstationen sollen in den nächsten Jahren folgen. Dschiddas Al-Amal-Hospital zählt mit 220 Betten zu den größten Einrichtungen. 200 der Plätze sind für Männer reserviert, lediglich 11 für Frauen und 10 für Halbwüchsige zwischen 15 und 18 Jahren. Und selbst in dem kleinen Frauentrakt, der erst 2010 eröffnet wurde, steht bisweilen die Hälfte der Betten leer. Denn anders als bei Männern ist Drogensucht bei Frauen nach wie vor ein absolutes Stigma. "Immer mehr junge Frauen kommen zwar in die Drogensprechstunde. In manchen Monaten sind es mehr als 30, aber sie wollen sich nicht stationär behandeln lassen", sagt die Chefin, die Psychiaterin Fatma Kaki, die als einzige einheimische Medizinerin der gesamten Golfregion eine Qualifikation für Suchttherapie hat.

"Heroin zu besorgen, war kein Problem"

Wenn möglich, fliegen die Familien ihre kranken Töchter zur Therapie außer Landes oder bringen sie in eine der exklusiven Privatkliniken, die bis zu 1.000 Euro pro Tag kassieren. Nur wenige wählen den Weg in eine staatliche Klinik, weil ihre Verwandten fürchten, dass etwas durchsickert. "Die Eltern sind total verzweifelt", weiß Somayya Jabarti, die erste Frau Saudi-Arabiens auf dem Chefsessel einer Zeitung, der Saudi Gazette. "Die Gesellschaft ist absolut erbarmungslos gegenüber süchtigen Frauen. Und selbst wenn sie ihre Sucht überwinden, bleibt das Urteil unerbittlich." Für junge süchtige Männer dagegen wird nach ihren Worten bisweilen rasch eine Hochzeit arrangiert, gefolgt von "einem bösen Erwachen für die ahnungslose Braut".

Abdulmohsen dagegen, der nur seinen Vornamen preisgibt, hat erst geheiratet, als er seine Sucht überwunden hatte. "Jahrelang habe ich geglaubt, ich schaffe es allein, bis ich am Ende total am Boden war", sagt er. Die Wende sei nur möglich, wenn der Süchtige anerkenne, dass er ein Kranker ist und Hilfe braucht. Heute ist der 48-jährige Ex-Junkie später Vater zweier kleiner Töchter und einer der 16 Vollzeit-Sozialarbeiter im Al-Amal-Hospital. "Ich habe mit Alkohol angefangen und bin am Ende bei Heroin gelandet", sagt er, der fünf Entzugsversuche brauchte, bis er es im sechsten Anlauf endlich schaffte. "Heroin zu besorgen, war kein Problem." In der Halbwelt Dschiddas schlug er sich jahrelang mit Gelegenheitsjobs und Gaunereien durch. Sein Gesicht ist gezeichnet von der ruinösen Odyssee, seine Stimme dunkel und bedächtig. Für die akut Süchtigen in der Klinik jedoch ist er respektiertes Vorbild, weil er ihre Abgründe kennt und ihm keiner in den Selbsthilfegruppen etwas vormachen kann. "Zuerst lass ich sie jammern, wie schlecht man sie behandelt hat im Elternhaus, in der Schule, auf der Arbeit und in der Familie", sagt er. "Dann sage ich ihnen klar ins Gesicht: Niemand anderes ist verantwortlich für dein Verhalten als du allein. Und niemand wird dich aus diesem Dreck herausziehen, wenn du es nicht selbst tust."