US-Präsident Barack Obama ist heftig attackiert worden, als er vor knapp zwei Wochen bekannte, im Kampf gegen die Mörderbande des Islamischen Staats (IS) habe er "noch keine Strategie". Ein amerikanischer Präsident ohne Strategie! Totalversager, schrien Republikaner und rechte Medien.

An diesem Mittwoch will Obama nun seine Strategie gegen den IS verkünden, symbolträchtig in einer Rede an die Nation am Vorabend des 11. September. Wie sein Aktionsplan gegen die Islamisten aussehen wird, hat er in einem Fernsehinterview am vergangenen Wochenende angedeutet. "Wir werden ihre Fähigkeiten systematisch einschränken; wir werden das Territorium, das sie kontrollieren, verkleinern; am Ende werden wir sie besiegen." Aber das, so Obama vorsichtig, könne Monate dauern.

In einem Punkt war der Präsident glasklar: Keine Bodentruppen! Dies werde kein neuer Irak-Krieg, setzte sich Obama von seinem Vorgänger George W. Bush ab.

Eine Parallele immerhin gibt es zu den Vorbereitungen des damaligen Irakkriegs. Am Rande des Nato-Gipfels in Wales hat Obamas Außenminister John Kerry am Freitagmorgen vergangener Woche in aller Eile eine "Koalition der Willigen" im Kampf gegen den IS zusammengebracht, oder, wie es Verteidigungsminister Chuck Hagel nennt, eine "Kernkoalition". Zehn Staaten gehören ihr bisher an: Die USA, Großbritannien, Frankreich, Australien, Kanada, die Türkei, Italien, Polen, Dänemark – und Deutschland.

Deutschland in einer "Koalition der Willigen"? Bisher hat die Bundesregierung mit keinem Wort erklärt, was der deutsche Beitrag sein könnte. Wird es bei den Waffenlieferungen an die Kurden bleiben, die bereits angelaufen sind? Oder könnten die Amerikaner, wie der Spiegel spekuliert, die Deutschen auffordern, sich an Luftangriffen zu beteiligen? Briten und Australier haben bereits signalisiert, dass sie dazu bereit sind.

In der Welt am Sonntag war zu lesen, die Bundesrepublik sehe "ihre Rolle vor allem in der politischen Begleitung des militärischen Kampfes".  Was immer das heißen mag. Man wüsste schon gern genauer, wie sich die Große Koalition den deutschen Beitrag in diesem Ab-hoc-Bündnis vorstellt.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat in Wales gesagt, es gehe nicht um einen Auslandseinsatz, sondern darum, "diejenigen zusammenzubekommen, die man dringend braucht, um einen politischen Prozess mit einiger Glaubwürdigkeit tatsächlich zu starten".

Dann müssten vor allem Saudi-Arabien und Katar dabei sein. Denn sie gehören nicht nur zu den engsten Freunden des Westens in der arabischen Welt. Viel spricht dafür, dass Privatleute aus Katar und möglicherweise auch aus Saudi-Arabien den "Islamischen Staat" in seiner Anfangsphase finanziert haben. Inzwischen allerdings betrachtet die saudische Regierung IS als ihren Todfeind.

Und so reist denn John Kerry dieser Tage durch den Mittleren Osten, um dort Verbündete im Kampf gegen den IS zu gewinnen. Jordanien soll in der Anti-IS-Koalition dabei sein, die Vereinigten Arabischen Emirate, und eben auch Saudi-Arabien und Katar.

Klare Fronten hat es im Nahen und Mittleren Osten kaum jemals gegeben. Aber noch nie ließ sich zwischen Freund und Feind so schwer unterscheiden wie heute.

Gegen den IS könnte der Westen bald Seite an Seite kämpfen mit radikalen schiitischen Milizen aus dem Irak, mit iranischen Revolutionsgarden, mit der libanesischen Hisbollah, ja faktisch sogar mit Syriens Präsident Assad – indirekt natürlich, und auch ungewollt. Aber doch.

Wenn die Not wirklich so groß ist, dass man die unappetitlichsten taktischen Allianzen eingeht, wüsste man schon gern, welchen Part Deutschland im Kampf gegen die Dschihadisten spielt. Deshalb sollte Angela Merkel, genau wie Barack Obama, vor die Nation treten und erklären, was uns da blüht.