Im Nahen Osten findet ein Staatsbegräbnis erster Klasse statt. Die Rede ist nicht von den Hunderttausenden Toten, die der Krieg in Syrien bisher gekostet hat. Sie bekommen oft nicht mal ein Grab. Es geht um die feierlichen Konferenzen, auf denen in diesen Tagen die große Koalition gegen den "Islamischen Staat" (IS) gebildet wird. Die USA und einige EU-Staaten verbünden sich mit Ägypten, Saudi-Arabien und anderen Nicht-Demokratien gegen den dschihadistischen Feind. Leider gibt es wohl kaum einen anderen Weg, als mit dem neuen Machthaber in Kairo, Abdel Fatah al-Sissi, begrenzt zusammenzuarbeiten. Auch die Saudis, die den ägyptischen General wie die brutalen Herrscher von Bahrain stützen, werden gebraucht. Aber im Bündnis mit diesen Herrschern werden die arabischen Aufstände ebenso begraben wie die Hoffnung vieler Araber auf Freiheit.

Einer, der in dieser Allianz auf der völlig falschen Seite steht, ist der türkische Präsident Tayyip Erdoğan. Der Mann ist selbst ein Autokrat und sammelt so eifrig politische Macht wie seine Frau Design-Kopftücher. Doch mit Saudis und Sissis hat er ein großes Problem. Erdoğan hatte sich 2011 nach kurzem Zögern mit vollem Risiko auf die Seite der arabischen Aufständischen gestellt. Er stützte die Muslimbrüder in den arabischen Ländern. Eine Allianz mit deren Feinden fällt ihm sichtlich schwer.

So kommt es zu einem paradoxen Bündnis gegen den IS: Der Westen steht eng mit den Saudis zusammen und sucht auch punktuelle Zusammenarbeit mit dem Iran, während der Nato-Partner Türkei nur halb oder gar nicht mit an Bord ist. Und wenn die Anti-IS-Allianz zu viele Araber einbezieht, könnte der Westen die Türkei gar verlieren.

Tayyip Erdoğan hat sein Land im syrisch-irakischen Krieg in eine gefährliche Lage gebracht. Vielfach durch eigenes Verschulden. Lange Zeit ließ Erdoğan dschihadistische Gruppen in der Türkei gewähren, um seinem Todfeind, dem syrischen Diktator Baschar al-Assad, zu schaden. Dschihadisten sickerten über die Grenze nach Syrien ein, wurden in türkischen Krankenhäusern behandelt, der IS verkaufte sogar Öl aus Syrien auf dem türkischen Schwarzmarkt.

Längst zahlt die Türkei selbst einen sehr hohen Preis für das Erstarken der islamistischen Kämpfer. IS-Terroristen konnten bei der Eroberung von Mossul 49 türkische Botschaftsangehörige kidnappen, weil Premier Ahmet Davutoğlu seinen Leuten Durchhalteparolen statt eines Evakuierungsjets schicken ließ. Dschihadisten leben mittlerweile überall in der Türkei, im Grenzgebiet zu Syrien genauso wie im Istanbuler Großstadtdschungel. Ließe Erdoğan die IS bombardieren, müsste er irgendwann mit Terroranschlägen in türkischen Städten rechnen.

Noch ein potenzieller Verbündeter des Westens macht Erdoğan Probleme: die kurdischen Miliztruppen der PKK und PYD. Im Westen haben sich die kurdischen Milizen jüngst einen guten Ruf erworben, als sie Tausende Jesiden aus dem Klammergriff des IS befreiten. IS-Truppen greifen die Kurden in Syrien und Irak an. Manche im Westen – auch aus der deutschen Linken – fordern deshalb die Bewaffnung der PKK. Doch in Ankara gelten diese Gruppen weiter als Feinde.

Erdoğan will mit den Kurden im eigenen Land zu einem Ausgleich kommen und schlägt ihnen einen historischen Deal vor: Die Türkei gibt den Kurden kulturelle Autonomie und mehr politische Rechte – dafür entwaffnen die Kurden die PKK und ähnliche Gruppen. Auch eine Abspaltung von der Türkei wäre tabu. Wenn nun der Westen die PKK gegen den IS stärken oder gar bewaffnen würde, brächen in Ankara der Glaube an jegliche Solidarität der EU und der Ausgleich mit den Kurden zusammen.

Genau deshalb ist die Türkei das schwächste Glied in der Kette, die den IS an weiteren Gebietsgewinnen hindern soll. US-Außenminister Kerry hat die Türken nun zu einer Art wohlwollendem Stillhalten verpflichtet, während die USA, Europäer und die arabischen Verbündeten gegen den IS militärisch vorgehen. Viel mehr ist von Ankara kaum zu erwarten. Höchstens weniger.

In Europa drängen Politiker wie der CDU-Politiker Armin Laschet auf die Enttabuisierung von Baschar al-Assad, um mit ihm den IS effektiv zu bekämpfen. Das wäre eine fatale Entscheidung. Nicht nur, weil Assad den arabischen Aufstand mit Giftgas bekämpft und den Aufstieg des IS aktiv gefördert hat. Sondern weil Assad der Todfeind von Erdoğan ist. Mit Assad zusammenzuarbeiten, hieße die Türkei endgültig zu verlieren. Und damit den einzigen Nato-Verbündeten im Mittleren Osten.