"Die unheimliche Macht", "Der zweifelhafte Scheich" – negative Schlagzeilen sind schnell bei der Hand, wenn der Emir von Katar zum Staatsbesuch nach Deutschland reist. Kein Wunder, der Ruf des reichen Ministaates hat zuletzt erheblich gelitten.

Widersprüchlich war das Land schon immer: Es ist nur halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern und will Global Player sein. Es ist geprägt von einem wahhabitischen Islam und unterhält gleichzeitig enge Kontakte zum arabischen Erzfeind Iran, die sich schon mehrmals als sehr nützlich erwiesen haben. Es baut Kirchen für seine Wanderarbeiter und beutet sie gleichzeitig im großen Stil aus. Es ist Standort der wichtigsten US-Luftwaffenbasis am Golf und gleichzeitig arabischer Hauptverbündeter der Muslimbrüder. Seine autoritäre Monarchie ist ohne Parlament, doch sein Haussender Al-Dschasira predigt allen anderen nahöstlichen Regimen die Demokratie.

Zuletzt wuchs vor allem der Druck der Nachbarn am Golf erheblich: Saudi-Arabien, Bahrain und die Emirate stört außerordentlich, dass Katar an der allgemeinen Hatz auf die Muslimbrüder nicht teilnimmt. Kürzlich erst drohte der saudische Außenminister dem Nachbarstaat mit einer Seeblockade und damit, alle Landverbindungen zu schließen. Eine militärische Besetzung Katars wäre für die saudische Armee in der Tat eine Sache von Tagen.

Der Deutschland-Besuch des 34-jährigen Emirs Tamim bin Hamad al-Thani, der im Juni 2013 von seinem Vater die Macht übernahm, ist deshalb auch ein Versuch, sich seiner Partner im Westen zu versichern. Gleichzeitig bestellte die schwerreiche Scheichfamilie in den USA für neun Milliarden Euro Apache-Hubschrauber und Patriot-Batterien.

Wirtschaftsbeziehungen als strategische Existenzgarantie

Der junge Emir stammt aus dem frommen Flügel der Familie, er steht den Muslimbrüdern nahe und war lange Vize-Kommandeur der Streitkräfte. Wie viele andere arabische Potentaten wurde er an der renommierten britischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet. Das Kommando als Staatschef übernahm er vor eineinhalb Jahren in schwierigen Zeiten. Im Vergleich zu den vergreisten Herrschern im benachbarten Saudi-Arabien oder dem alkoholkranken Emir von Kuwait jedoch wirkt der junge Autokrat frisch, berechenbar, aufgeschlossen und pragmatisch. Beim Staatsbesuch in Berlin trat er im graugestreiftem Sakko mit roter Krawatte auf und nicht im traditionellen Gewand vom Golf.

Katar versteht seine Wirtschafts- und Rüstungskontakte zum Westen als strategische Existenzgarantie. Es besitzt weltweit die drittgrößten Gasvorkommen und ist das wohlhabendste Land der Erde. Zuletzt sorgte sein Einstieg bei der Deutschen Bank für Schlagzeilen, aber auch an Volkswagen, Siemens und Hochtief ist Katar beteiligt. Umgekehrt hoffen deutsche Konzerne auf hohe Gewinne durch die Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Sie sind nicht nur am Bau der zwölf Stadien beteiligt, sondern auch am Bau der neuen Metro von Doha sowie am Schienennetz für den Nahverkehr auf der gesamten Halbinsel.

Doch auch im Westen wächst die Kritik an Katar. Angesichts der katastrophalen Zustände auf den WM-Großbaustellen gibt es Forderungen, dem Land das Großereignis wieder zu entziehen.

Insbesondere aber der Umstand, dass reiche Bürger und religiöse Stiftungen hohe Summen nach Syrien pumpen, um radikale IS-Brigaden zu unterstützen, setzte Katar jüngst unter gewaltigen internationalen Druck. Hauptfinanziers sind nach Erkenntnissen des US-Finanzministeriums und der EU Mittelsmänner in Kuwait, denen auch beträchtliche Spenden aus privaten Kreisen in Saudi-Arabien und Katar zufließen.

Kürzlich hat sich das Emirat bereit erklärt, energischer gegen derartige Umtriebe vorzugehen. Im Gespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel wies Scheich Tamim bin Hamad al-Thani diese Vorwürfe rundheraus zurück. "Es gibt keine Unterstützung Katars für terroristische Bewegungen", sagte er und überzeugte damit offenkundig seine Gastgeber. "Ich habe keinen Grund, den Aussagen des Emirs nicht zu glauben", sagte Merkel.

In Katar weiß man, dass man auf die Kritik des Westens eingehen muss, will man ihn nicht als Partner verlieren. Und im Westen weiß man: Es gibt in der arabischen Welt keine idealen Partner, bloß schlechtere und bessere. Katar gehört zu den besseren.