Die Geeks der Kartelle – Seite 1

Louis Vuitton-Reisegepäck, Selbstportrait auf der Yacht, vor dem Luxushotel in Monaco: Die Fotogalerie von "miauuuu5_7" sieht auf den ersten Blick wie die von Tausenden anderen aus, die ihr Jetset-Leben auf Instagram präsentieren. Der junge Mann könnte Model oder reicher Erbe sein, doch er ist ein Killer – einige Videos und Fotos zeigen ihn im Tarnanzug beim Training im Wald, mit Sturmgewehr, und mit hochrangigen Mitgliedern von Mexikos mächtigem Sinaloa-Kartell.

José Rodrigo Aréchiga Gamboa alias "miauuuu5_7" ist in Mexiko als "Chino Ántrax" bekannt – und Chef und Mitgründer des Killer-Kommandos "Los Ántrax". Die Einheit erledigt Mordaufträge für das Sinaloa-Kartell, dient dem Drogenboss Ismael "El Mayo" Zambada García als bewaffneter Arm und Bodyguard-Truppe und organisiert Transporte von Drogen und Waffen. Zuletzt soll "Chino Ántrax" auch den Drogenhandel in Culiacán kontrolliert haben, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, Wiege des Sinaloa-Kartells. Auf den Instagram-Fotos hat der Killer sein Gesicht mit Photoshop unkenntlich gemacht, wiederzuerkennen ist er auf den meisten Fotos und Videos an einem Totenkopfring, dem Logo der Ántrax-Truppe.

Tausende Mitglieder mexikanischer Kartelle präsentieren sich wie "Chino Ántrax" in sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook oder Twitter. Während sich die alten Drogenbosse wie Phantome bewegten, von El Chapo oder El Mayo kaum ein Foto kursiert, sind ihre Söhne und deren Kumpels Social-Media-Maniacs. Sie protzen in sozialen Netzwerken mit ihrem Geld, mit Autos, Drogen und Waffen, verbreiten Propaganda, die die Kartelle glorifizieren und die Gegner einschüchtern soll. Doch das Netz ist mehr als ein Spielplatz für die junge Narco-Generation. Kartelle nutzen das Internet für die Vorbereitung von Verbrechen wie Entführungen und Drogendeals – und der Generationswechsel fördert die kriminelle Innovation.

Foltervideos und Fanseiten

Den Beginn des mexikanischen Onlinedrogenkriegs markiert dem Soziologen Professor Howard Campbell zufolge ein Foltervideo: Im Jahr 2005 zirkulierte ein YouTube-Film, in dem ein Killer des Sinaloa-Kartells vier Mitglieder der Zetas verhört und foltert. "Es war das erste große Social-Media-Ereignis und schien den Stil von Al-Kaida nachzuahmen", sagt Campbell, der an der University of Texas in El Paso zum mexikanischen Drogenhandel forscht. "Danach ist das Phänomen explodiert und hat sich lawinenartig verbreitet – heute gibt es Tausende solcher YouTube-Videos und andere Arten der Social-Media-Nutzung."

Wie Terrororganisationen setzen die Kartelle auf den viralen Effekt der Narcopropaganda im Netz: Killer-Kommandos dokumentieren Morde mit Smartphone oder Profi-Kamera, sägen Gegnern vor laufender Kamera die Köpfe ab, veröffentlichen die blutigen Fotos und Videos selbst oder spielen sie Narcoblogs zu, die Material aus dem Drogenkrieg publizieren. Vor ihrer Ermordung werden gefangengenommene Rivalen oft zu Geständnissen gezwungen – wen sie entführt, getötet, was sie verbrochen haben. "Es ist eine Art politisches Statement, oft geht es um den Einfluss der Kartelle in bestimmten Regionen", sagt Campbell. "Die Narcos wollen zeigen, dass sie die Guten sind, die gegen die Bösen kämpfen, dass sie die Gesellschaft vor ihren Feinden retten, die Übles getan haben."

Der Chef der Tempelritter, "La Tuta" veröffentlicht regelmäßig PR-Videos auf YouTube, die hunderttausendfach angeklickt werden. Das Sinaloa-Kartell dokumentierte seine Hilfslieferungen an vom Sturm verwüstete Gebiete in YouTube-Videos, sogar ein Instagram-Kanal existierte kurzzeitig. Auf Facebook feiern unzählige Fanseiten die Kartelle. Unter den Anhängern finden sich harmlose Jugendliche, die den Narco-Lebensstil glorifizieren, aber auch echte Kartellmitglieder.

Doch soziale Netzwerke wie Facebook, Hi5 oder MySpace sind für die Kartelle mehr als ein Propaganda-Tool: Sie rekrutieren Nachwuchs, auch jenseits der mexikanischen Grenze, überreden auf Facebook-Seiten junge Frauen zu Treffen, die später zur Prostitution gezwungen werden, spähen Entführungsopfer und Firmen für Schutzgelderpressung aus.

Ermittlern fehlt die Cyberkompetenz

Inzwischen ergänzt auch Onlinehandel den klassischen Drogenvertrieb: "Alle großen Kartelle sind im Deep Web aktiv und haben verstanden, was Bitcoin bedeutet", sagt Hacker Carlo Martinez, der seinen echten Namen aus Sicherheitsgründen hier nicht nennen will. "Die Kartelle nutzen das Deep Web in erster Linie für Narcomenudeo, den Vertrieb von kleineren Drogenmengen, aber auch als Vitrine für die großen Lieferungen."

Auf Drogenmarktplätzen wie der vom FBI geschlossenen "Silk Road", deren Nachfolgern und in versteckteren Foren bieten Händler ihre Ware an – ein Narco offerierte etwa 500 Kilo Marihuana. Oft kommunizieren die Kartellmitglieder in Codes, sprechen zum Beispiel von "einem Lastwagen voller Zitronen". Neben Drogenhandel wickeln die Kartelle brisante Deals wie Organhandel und Menschenhandel im Darknet ab. Mit der virtuellen Währung Bitcoin verschleiern die Kriminellen den Weg der Transaktionen, mit PGP, Tor oder Apps wie Redphone verschlüsseln sie ihre Kommunikation.

Martinez hält die mexikanischen Kartelle inzwischen für "höchst cyberkompetent". Bei vielen Fußsoldaten handele es sich zwar um junge, ungebildete Männer vom Land, doch in allen Kartellen seien auch clevere Köpfe zu finden. Und wo IT-Kompetenzen fehlen, werden Experten angeheuert oder entführt.

Dem mexikanischen Politikmagazin Proceso zufolge häufen sich seit 2009 die Entführungen von Kommunikationsexperten. Etwa 30 Mitarbeiter von Telekommunikationsfirmen wie Networkers, Nextel oder IBM sind bisher verschwunden. 2010 wurde ein junger Programmierer aus Mexiko-Stadt für einen IT-Job von einer Firma angeworben – und wurde dann gezwungen, für den Drogenboss "La Barbie" einen Auftrag zu erledigen.

Talent lässt sich einkaufen

Die Zetas, deren Gründungsmitglieder Elitesoldaten sind und die sich 2010 von ihrem ehemaligen Arbeitgeber, dem Golfkartell, getrennt haben, gelten als die High-Tech-Pioniere in Mexiko. Bei der Mega-Operation "Project Reckoning" im September 2008 nahm die US-amerikanische Anti-Drogenbehörde DEA mehr als 500 Mitglieder und Unterstützer des Golfkartells fest – darunter auch Jose Luis Del Toro Estrada, ein IT-Experte, der unauffällig erschien: kein Vorstrafenregister, keine Waffen, keine Drogen. In McAllen, Texas, betrieb er einen kleinen Laden, in dem er Technikzubehör wie Walkie-Talkies verkaufte, zur Tarnung. Del Toro Estrada hatte seit 2004 für die Zetas, damals noch den bewaffneten Arm des Golfkartells, ein Netzwerk geheimer Überwachungskameras sowie ein abhörsicheres Funknetz konzipiert, dass sich über ganz Mexiko zog. Er beschäftigte auch ein IT-Team, mit dem er neue Tools für das Kartell entwickelte. Del Toro Estradas Spitzname: "El Técnico", der Techniker.

Berichten der mexikanischen Staatsanwaltschaft zufolge beschäftigen die Zetas auch Kommunikationsexperten, die mit einem Monitoring-System staatliche Sicherheitskräfte und Rivalen überwachen und unter anderem Informationen aus Blogs, Facebook und Twitter auswerten. Für Spezialaufträge heuern sie dem Hacker Carlo Martinez zufolge zudem korrupte Mitglieder der mexikanischen Spezialeinheit GAFE an. "Der Drogenhandel ist der finanzielle Muskel, mit dem sich Talent einkaufen lässt", sagt Martinez. "Die Angeworbenen können problemlos in zwei Tagen eine Million Pesos verdienen" – etwa 60.000 Euro.

Auch Morde an Bloggern sollen auf das Konto der Zetas gehen. Um unliebsame Kritiker oder Rivalen aufzuspüren, müssten Kriminelle aber nicht zwingend IT-Experten sein, sagt Francesca Bosco, Cybercrime-Expertin des United Nations Interregional Crime and Justice Research Center UNICRI: "Einsatzfähige Hacker-Tools können leicht auf dem Internet-Schwarzmarkt gekauft oder einfach heruntergeladen und mit wenig Erfahrung angewandt werden."

Die Cyberpolizei ist zu fünft

Auch der mexikanische Staat rüstet digital auf, wertet soziale Netzwerke aus, schleust verdeckte Agenten ins Darknet ein. Der mexikanische Geheimdienst CISEN wirbt talentierte Hacker noch aus dem Studium ab, um sie für seine Zwecke weiterzubilden – etwa 30 bis 40 IT-Experten hacken derzeit für den Staat. Die mexikanische Cyberpolizei besteht dagegen nur aus fünf Hackern, die sich auf Menschenhandel und Kinderpornografie konzentrieren, etwa Facebook-Gruppen nach Zwangsprostitution durchforsten.

Dazu gesellen sich in manchen Bundesstaaten lokale IT-Einheiten – die allerdings oft klein oder überfordert sind oder selbst im Auftrag der Kartelle stehen. In Gómez Palacio im Bundesstaat Durango, kontrollierte das Cártel del Poniente etwa bis zum Januar 2013 das Referat C 4, die Aufklärungs- und Kommandozentrale der Polizei, wie ein Informant dem Magazin Proceso berichtete.

Digitale Selbstdarsteller, die wie der Killer "Chino Ántrax" in sozialen Netzwerken protzen, sind ein Glücksfall für die Ermittler. Auch die digitalen Spuren ermöglichten seine Festnahme: Im Dezember 2013 wurde Ántrax, der unter dem falschen Namen Norberto Sicairos García reiste, am Flughafen in Amsterdam festgesetzt – er trug, wie immer, seinen Totenkopfring. In der US-amerikanischen Grenzstadt San Diego läuft nun der Prozess gegen den Kopf der "Ántrax"-Truppe. Der Hacker Martinez glaubt dennoch, dass der Staat das Nachsehen hat, immer noch zu wenig Cyberkompetenzen besitzt: "Leider ist vor allem die dunkle Seite in Mexiko weit vorn."

Die Recherchen wurden durch ein Stipendium der Otto-Brenner-Stiftung mitfinanziert und vom Netzwerk Recherche betreut.