Nach dem Nato-Gipfel in Wales kritisierte Russland die Ergebnisse als "Sieg der Falken" in den USA. "Die Nato ist ein Ergebnis des Kalten Krieges und hat in Newport demonstriert, dass sie zum Wandel nicht fähig ist", heißt es in einer vom Außenministerium in Moskau veröffentlichten Mitteilung. Die Nato strebe unter dem Druck Washingtons nach einer militärischen Vormachtstellung – unter Verletzung aller Vereinbarungen. "Die Ukraine-Krise ist da nur ein Vorwand für das weitere Heranrücken der Nato an Russlands Grenzen", sagte die Regierung in Moskau.

Erstmals seit Ende des Kalten Krieges rüstet die Nato wieder gegen Russland auf. Als Konsequenz aus der Ukraine-Krise setzt die Allianz auf Abschreckung: Truppenstandorte werden verstärkt, eine schnelle und schlagkräftige "Speerspitze" der Schnellen Eingreiftruppe (Nato Response Force) mit 3.000 bis 5.000 Soldaten wird aufgebaut. Die 28 Nato-Staats- und Regierungschefs beschlossen in Wales den sogenannten Readyness Action Plan (sinngemäß Plan für höhere Bereitschaft). Er soll die Sicherheit der Partner in Ost- und Mitteleuropa stärken, die sich von Russland bedroht fühlen.

Am Strategiewechsel des Bündnisses wird kurzfristig auch die erste gemeinsam vereinbarte Waffenruhe zwischen der ukrainischen Regierung und den moskautreuen Rebellen in der Ostukraine nichts ändern. "Wir haben Hoffnung, sind aber nach Erfahrungen in der Vergangenheit auch skeptisch", sagte US-Präsident Barack Obama stellvertretend für die Gipfelrunde. Und machte deutlich: "Große Länder können nicht einfach auf kleinen Ländern herumtrampeln."

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Allianz auf dem zweitägigen Gipfel Geschlossenheit und Entschlossenheit gezeigt. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte: "Unsere Präsenz im Osten wird sichtbarer."

In puncto Sanktionen gegen Russland wertete Merkel eine dauerhafte Waffenruhe als Chance, die Strafmaßnahmen wieder zurückzunehmen. David Cameron, der Premierminister Großbritanniens, machte deutlich, die Sanktionen zeigten Wirkung und blieben in Kraft. "Der Rubel fällt, die Börsenkurse fallen und die Banken haben Probleme, Geldmittel zu bekommen", sagte er. Frankreichs Präsident François Hollande ergänzte: "Und sie werden erst aufgehoben werden, wenn es Beweise für den Waffenstillstand und die politische Lösung gibt."

Trotz des Kurswechsels der Allianz hält es die Bundeskanzlerin für wichtig, eine Rückkehr zur Zusammenarbeit mit Russland offen zu halten. Deshalb bleibe auch die Gründungsakte des Nato-Russland-Rates von 1997, der nach dem Kalten Krieg eine Partnerschaft der einstigen Gegner begründen sollte, in Kraft. "Wir haben extra gesagt, diese Sicherheitsarchitektur Europas, zu der die Nato-Russland-Akte gehört, zu der stehen wir, die respektieren wir", sagte Merkel.

Zehn Staaten gehen gegen IS vor

Auch im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fanden sich auf dem Gipfel zehn Staaten zu einer Allianz zusammen. Darunter sind neben Deutschland die ständigen UN-Sicherheitsratsmitglieder USA, Großbritannien und Frankreich sowie Italien, Kanada, Australien, Dänemark, Polen und die Türkei.

Die beteiligten Nationen seien sich einig, dass die Gruppe nicht nur eine Bedrohung für den Irak und Syrien, sondern auch für die Nato-Staaten darstelle und dass sie mit finanziellen und militärischen Mitteln gestoppt werden müsse, sagte US-Präsident Barack Obama zum Ende des Gipfels.

Die USA drängten ihre Partner dazu, bis zur UN-Generalversammlung Ende September einen klaren Plan darüber auszuarbeiten, was sie bereit sind, dem Bündnis beizusteuern. Es sei aber grundsätzlich Einigkeit da, dass der "Islamische Staat" zerstört werden müsse, sagte Obama. Er kündigte an, das Bündnis auch auf arabische Staaten ausweiten zu wollen. Zu diesem Zweck soll sein Außenminister John Kerry kommende Woche in die Region reisen.

Es sei absolut entscheidend, dass arabische Staaten und besonders solche mit einer sunnitischen Mehrheit sich dem Bündnis anschließen, sagte Obama. Sie könnten so deutlich machen, dass sie den "Nihilismus" der ebenfalls sunnitischen Extremisten ablehnen.

Obama sagte auch, dass US-Bodentruppen gegen die Kämpfer der Gruppe in Syrien nicht zum Einsatz kommen würden. Stattdessen sollten moderate Rebellen dort unterstützt werden. Der US-Kongress muss dafür noch ein Paket im Umfang von 500 Millionen Dollar billigen.

USA drängen beteiligte Länder

Kerry und Verteidigungsminister Chuck Hagel drängten ihre Amtskollegen aus den übrigen beteiligten Ländern, eine klare Strategie auszuarbeiten, damit deutlich werde, in welchem Ausmaß sich jeder in den Kampf gegen den Islamischen Staat einbringen wolle. Jene, die keine Luftangriffe fliegen wollten, könnten Geheimdienstinformationen oder Ausrüstung und Waffen liefern, sagte Kerry. 

Der französische Präsident François Hollande sagte, sein Land prüfe noch das genaue Ausmaß seiner Beteiligung. "Frankreich ist bereit zu handeln, aber erst wenn es eine politische Einigung gibt und es im Einklang mit dem Völkerrecht steht."

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte, dass das Militärbündnis die Unterstützung für den Irak koordinieren helfen wolle. Möglich sei eine Ausbildungsmission für irakische Truppen, wie es sie bereits während des Irak-Krieges gegeben hat.

Der nächste Nato-Gipfel findet 2016 in Polen statt.