Der Satz von Joachim Gauck, "dass territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern", ist natürlich wahr. Wahr ist aber auch, dass der Westen derzeit weder die Mittel noch die Entschlossenheit besitzt, einen derartigen Appetit zu zügeln. Wladimir Putin baut ungestört Noworossija, einen vermeintlich ethnisch-russischen Landgürtel entlang der Nordküste des
Schwarzen Meeres. Er gewinnt diesen Konflikt nicht obwohl, sondern weil er Spielregeln bricht und es niemanden gibt, der diesen Regelbruch wirksam ahndet.

Seien wir ehrlich: Der wirtschaftliche und politische Nutzen, den die Landnahme seiner Stellvertreterarmee Putin in der Ukraine einbringt, wird wahrscheinlich auch in Zukunft den Schaden übersteigen, den die EU einem neoimperialen Russland als Strafe zuzufügen bereit ist. Von Wirtschaftssanktionen hat Putin sich bisher nicht beeindrucken lassen und er wird das wahrscheinlich auch in Zukunft nicht tun, selbst wenn die EU diese Sanktionen verschärft.

Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Ostukraine lebenswichtige Zulieferfirmen für die russische Rüstungsindustrie beherbergt. Der Donbass war schon immer die Waffenschmiede Russlands, und er ist es bis heute. Laut einer erhellenden Auflistung der Washington Post werden Russlands Interkontinentalraketen in Dnipropetrowsk produziert, die Werke für Motoren von Transportflugzeugen, Militärhubschraubern und Kampfflugzeugen liegen in Saporischschja und die Getriebe für die meisten geplanten russischen Marineschiffe kommen aus Mykolajiw. 

Hinzu kommt die Krim mit ihren Warmwasserhäfen sowie den Öl- und Gasvorkommen im Asowschen Meer. All diese Schätze dürften aus Putins Sicht den Schaden, den die EU-Sanktionen anrichten, beträchtlich abmildern, wenn nicht gar aufheben. Solange Europa ein
Drittel seines Öls und Gases aus Russland bezieht, muss der Mann um den Hauptzustrom an Devisen ohnehin nicht bangen.

Vermutlich schreckt nicht einmal die Aussicht, dass Russland zu einem Closed Shop werden könnte, zu einem handelspolitisch, diplomatisch und kulturell weitgehend isolierten Land, die Hardliner im Kreml – im Gegenteil: Die Globalisierung, die Liberalisierung, die Vorstellung von Marktöffnungen als gelebtem Internationalismus beäugen sie ohnehin als wertezersetzende, dekadente Einflüsse. Der Bau von Noworossija nährt den Alternativglauben, Russland sei groß und mächtig genug, um auf die westliche Idee von Wachstum
pfeifen zu können.

Und militärisch? Seien wir auch hier realistisch: Solange russische Soldaten nicht an EU- oder Nato-Grenzen nagen, wird sich ihnen niemand entgegenstellen. Der US-Autor und Putin-Biograf Ben Judah empfahl dem Westen deshalb unlängst, dem ukrainischen Militär keine falschen Anreize mehr für Widerstand zu liefern.

Kiews Truppen seien der russischen Armee hoffnungslos unterlegen. Wenn der Westen nicht auf ihrer Seite kämpfen wolle, müsse er das nicht nur klar sagen, sondern die Ukraine auch zum Aufgeben überreden. "Wir dürfen nicht Tausende von Ukrainern sterben lassen, weil wir schwanken", so Judah. Der Preis dafür wäre freilich, dass die Kapitulation sich auf Europa und die Glaubwürdigkeit der freiheitlichen Demokratie miterstrecke.

Judah hat traurigerweise recht. Umso richtiger ist es, dass die Nato, wie sich gerade abzeichnet, hart und entschlossen auf die Idee von Noworossija reagiert. Auf ihrem Gipfel, der heute in Wales beginnt, wird die Allianz darüber beraten, wie sie im Falle eines russischen Angriffs auf Polen, Rumänien oder die baltischen Staaten möglichst schnell Tausende von Kampftruppen gen Osten verlegen kann. Eine "Speerspitze" von etwa 5.000 Soldaten soll nach der Vorstellung des Nato-Generalsekretärs innerhalb von Stunden mobilisierbar sein, um eine Attacke zu kontern, geführt von neuen Kommandozentren, die rotierend auch von deutschen Soldaten besetzt werden sollen.

Alles Paranoia? Panische Spielchen? Kann sein. Hoffentlich sogar. Aber Aufgabe einer Verteidigungsallianz ist es, sich gegen Unwahrscheinliches zu rüsten. Niemand weiß heute, wie weit Putin sein Noworossija treiben will, vielleicht nicht einmal er selbst. Was beide Seiten wissen müssen, ist allerdings, wo im Fall der Fälle die Methode Gewalt auf Gegengewalt träfe.