Auf Russisch über die Ukraine-Krise berichten, frei, ohne Angst und Tabus – eine Utopie? Galina Timtschenko will sie verwirklichen. Von der lettischen Hauptstadt Riga aus will die ehemalige Chefredakteurin des russischen Nachrichtenportals Lenta.ru eine Insel der freien russischsprachigen Presse schaffen. Medusa soll das neue Medium heißen und im Oktober online gehen.

Medusa soll allen Russen das "Existenzminimum an Informationen" bieten. Die Macher um Timtschenko setzen dabei auf eine doppelte Strategie. Zum einen wird Medusa Texte aus russischen Medien aggregieren, die die Redaktion für wichtig und interessant hält. Dabei werden neben den bekannten Massenmedien auch unabhängige Blogs ausgewertet. Zum anderen sollen eigene Texte und Reportagen veröffentlicht werden. Es gebe eine lange Liste von Tabu-Themen, an die sich russische Medien wegen direkter und indirekter Zensur nicht wagten, sagte Timtschenko der russischen Ausgabe des Magazins Forbes. "So entsteht eine Lücke im Informationsbild – und genau die werden wir selbst füllen." 

Timtschenko will im Kampf gegen die Zensur auch Texte von Internetseiten oder Blogs veröffentlichen, die in Russland blockiert sind – wenn sie wichtig sind und nach der Meinung der Redaktion den russischen Gesetzen und der journalistischen Ethik nicht widersprechen. Das Aggregieren sollen bei Medusa nicht Maschinen erledigen, Redakteure wählen die Inhalte aus. Gleichzeitig tue man so etwas gegen das "weiße Rauschen" in den russischsprachigen Medien, gegen den Überfluss an nicht verifizierbaren Informationen also, der ein wichtiger Aspekt des Informationskrieges und der Propaganda ist.

Damit Medusa nicht selbst blockiert wird, werden technische Sicherungen und Umwege vorbereitet, die die Beteiligten nicht näher benennen wollen. Einer der Gründer ist Ilja Krasilschtschik, ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift Afischa. Seinen Angaben zufolge wird es Medusa von Anfang an als Website und als App für iOS- und Android-Geräte geben. "Ich habe noch nicht erlebt, dass Apps blockiert werden", sagte er Forbes

Politisch motivierte Entlassung

Der Anspruch von Medusa ist groß, die Gefahren auch. Die Entscheidung für den Standort Riga soll das Medium vom Druck des Staates befreien. Dass dieser Schritt nötig ist, um eine unabhängige Berichterstattung zu gewährleisten, weiß Timtschenko aus eigener Erfahrung.

Von 2004 an war sie zehn Jahre lang Chefredakteurin des Nachrichtenportals Lenta.ru. Eine Erfolgsgeschichte, die nach Ansicht vieler Experten größtenteils der Chefredakteurin zu verdanken war. Als Timtschenko im März 2014 gekündigt wurde, war die Website das populärste Onlinemedium in Russland. Viele Lenta.ru-Mitarbeiter sahen in der Kündigung politische Motive: Eine unabhängige Chefredakteurin wurde entlassen und durch eine vom Kreml gesteuerte Führung ersetzt. Das sei eine Verletzung des Massenmediengesetzes, laut dem Zensur unzulässig ist, schrieben 84 Mitarbeiter in einem offenen Brief, den sie am selben Tag auf der Seite veröffentlichten.

Die Entlassung Timtschenkos bescherte dem Portal internationale Aufmerksamkeit, Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, kommentierte die Entscheidung so: "Lenta.ru war eine der wenigen Quellen für unabhängige Nachrichten in Russland. Timtschenkos Absetzung ist ein herber Schlag nicht nur für Lenta.ru, sondern für den Journalismus in ganz Russland."

Investoren sind keine öffentlichen und bekannten Personen

Die Mitarbeiter schrieben, schlimm sei nicht in erster Linie, dass sie keine Arbeitsplätze mehr hätten, schlimm sei, dass die Leser nichts mehr zu lesen hätten. Das will Timtschenko jetzt wieder ändern. Doch eine Nachrichtenwebsite kostet Geld. Die Redaktion in Riga wird nur zehn festangestellte Mitarbeiter haben, doch darüber hinaus fallen Kosten für Miete, Technik und freie Mitarbeiter auch in Russland an. Experten rechnen mit Kosten von ungefähr einer Million Dollar pro Jahr, Timtschenko spricht von einer ähnlichen Summe.

Zunächst war die Rede davon, Boris Simin (der Sohn des Gründers des großen Telekommunikationsunternehmens VimpelCom) und Michail Chodorkowski seien unter den Finanziers von Medusa. Doch Timtschenko sagt, mit ihnen habe es keine Einigung gegeben, sie gehörten nicht zu den Investoren. Die aktuellen Geldgeber will sie nicht nennen, es seien keine öffentlich bekannten Personen, und ihre Beiträge seien "nicht besonders hoch". Timtschenko selbst will allerdings fast die gesamte Abfindung, die sie von Lenta.ru bekommen hat, in das Projekt stecken.

"Wir haben nicht das Ziel, gegen etwas oder gegen jemanden zu kämpfen. Wir wollen einfach ein wahrheitsgetreues Bild der Geschehnisse liefern", sagt Krasilschtschik. Doch das Versprechen einer unabhängigen Berichterstattung ist in Zeiten der Propaganda eine klare Kampfansage. Ab Mitte Oktober steigt Medusa ein.