Das Erdbeben ist ausgeblieben. Schottland spaltet sich nicht vom United Kingdom ab; das Vereinigte Königreich verliert nicht ein Drittel seiner Landmasse und ein Zwölftel seiner Bevölkerung. Little Britain bleibt der Welt erspart, Great Britain bleibt uns erhalten – fürs Erste jedenfalls.

Hätten die Befürworter der Unabhängigkeit gewonnen, so wäre nach ihren Plänen im März nächsten Jahres der neue Staat Schottland ausgerufen worden. Die Zeit bis dahin wäre von bitteren Streitigkeiten ausgefüllt gewesen, wie sie jedem Scheidungsprozess eigen sind – nur dass es nicht um den Unterhalt und das Fürsorgerecht für die Kinder gegangen wäre, sondern um viel schwierigere Entscheidungen: die Aufteilung der Staatsschulden, der Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee, der Sozialversicherungen und der Währungsreserven, überhaupt um die Frage, ob das unabhängige Schottland das Pfund hätte behalten dürfen. Auch der Abzug der britischen Atomunterseeboote und der 160 nuklearen Sprengköpfe der Trident-Flotte aus Faslane-on-Clyde und Coulport, auf denen der Großmachtanspruch Londons beruht, hätte reichlich kontroversen Gesprächsstoff geboten.

Zu alledem wird es nach dem Nein der Mehrheit vom vergangenen Donnerstag nun nicht kommen. Dies bedeutet freilich nicht, dass den Briten jetzt eine ruhige Zeit bevorstünde. Vielmehr stehen ihnen monatelange, wenn nicht jahrelange innenpolitische Auseinandersetzungen über eine Reform ihres Staatsaufbaus ins Haus. Dabei geht es um nichts weniger als die Umwandlung des Vereinigten Königreiches in eine Art von Bundesstaat.

Es ist ja sehr merkwürdig: Die Briten haben rund um den Globus föderale Staaten gegründet, man denke nur an Kanada oder Australien. Sie selbst jedoch, die sich seit jeher ohne geschriebene Verfassung durch die Weltgeschichte wursteln, haben bis in die späten neunziger Jahre, als sie den Schotten erste Selbstverwaltungszugeständnisse machten, die Vier-Völker-Familie des Vereinigten Königreiches – Engländer, Schotten, Waliser und Nord-Iren – straff aus London geführt. Jetzt haben sie den Schotten, um sie von der Flucht in die Unabhängigkeit abzubringen, die Übertragung weiterer Zuständigkeiten versprochen; devolution max ist das Motto: verstärkte Föderalisierung, mehr Autonomie und Autarkie.

Was die Reform den Schotten konkret bringen soll, steht noch in den Sternen. Der frühere Premierminister Gordon Brown, selbst ein Schotte, will ihnen sämtliche innenpolitische Zuständigkeiten einschließlich der Steuergesetzgebung zusprechen. Über die Details wird es noch viel Gerangel geben. Dass die Reformgesetzgebung schon im Januar auf den Weg gebracht werden kann, erscheint angesichts der schwierigen Materie höchst unwahrscheinlich.

Indessen zeichnet sich jetzt schon etwas anderes ab: Was da den Schotten an regionaler Selbstbestimmung zufällt, das werden auch die Waliser, die Nord-Iren und nicht zuletzt die Engländer haben wollen, möglicherweise auch der Stadtstaat London. Das Vereinigte Königreich wandelt sich zum Bundesstaat. Schon ist sogar von einer zweiten Kammer die Rede: einer Länderkammer wie dem amerikanischen Senat oder dem deutschen Bundesrat.

Zwei Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang – die erste nach dem Einfluss des schottischen Votums auf andere separatistische Bewegungen in Europa; die zweite nach dessen Auswirkungen auf das Vorhaben David Camerons, 2017 eine Volksabstimmung über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union abzuhalten.

Überall in Europa gibt es Volksstämme und Gebiete, die mehr Autonomie und regionale Entscheidungsfreiheit anstreben oder sich ganz von dem Staatsverband lossagen wollen, in dem sie sich nicht aufgehoben fühlen. Madrid zum Trotz will Artur Mas, Regierungschef in Barcelona, im November eine Volksbefragung darüber durchführen, ob Katalonien sich von Spanien abspalten soll; das mag auch den Unabhängigkeitsdrang der Basken aufs Neue beflügeln. In Korsika, in Südtirol, in Flandern wie im Szeklerland, dem ungarisch besiedelten Siebenbürgen in Rumänien, sind ähnliche separatistische oder zumindest auf mehr Eigenständigkeit gerichtete Bestrebungen virulent. Die Schotten haben ihnen vorgemacht, wie das Liebäugeln mit dem Separatismus die Zentralregierung zu weitreichenden Zugeständnissen bewegen kann. Die Obrigkeit in all diesen Ländern täte gut daran, ähnliche Zugeständnisse zu machen. Der Bundesstaat ist die Lösung: föderaler Pluralismus statt Separatismus.

Was jedoch den "Brexit" angeht, das Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union, so könnte es durchaus sein, dass das schottische Nein zur Sezession positive Wirkung hat. Wenn Cameron die Dinge wirklich zum Äußersten triebe und das Vereinigte Königreich aus der EU herausführte, so wäre nicht auszuschließen, dass die europafreundlichen Schotten sich dann doch noch zur Abkehr von England entschlössen.

Will Cameron dies verhindern, so sollte er sich die Worte zu Herzen nehmen, die Gordon Brown den Schotten zurief, und sie auf Europa ummünzen: "We will build the future together. What we have built together, by sacrificing and sharing, let no narrow nationalism split asunder ever" – lasst engstirnigen Nationalismus niemals auseinanderreißen, was wir gemeinsam aufgebaut haben.

Brüssel aber sollte aus der schottischen Entwicklung lernen, dass Entgegenkommen lohnt. Es muss endlich ernst machen mit der Subsidiarität – um England den Vorwand zu nehmen, wegen vereinheitlichter Gurkenkrümmung, zwangsstandardisierten Duschköpfen und zentral festgelegter Staubsaugerleistung europäischen Projekten den Rücken zu kehren.