Die schottische Volksabstimmung hat den Status quo bestätigt. Scheinbar. Tatsächlich haben die vergangenen Monate die britische Politik gründlich aufgewühlt und unangenehme Erkenntnisse zutage gefördert. Fünf sind für die Zukunft des Landes, aber auch für Europa wichtig:

1.) David Cameron ist ein außerordentlich schwacher Premierminister. Das beginnt mit seiner feigen Weigerung, sich der Debatte in Schottland zu stellen. Gewiss, seine Berater hatten warnend den Kopf geschüttelt. Seit Margaret Thatcher, gaben sie zu bedenken, kommen Tories in Schottland nicht mehr gut an. Ein Eton- und Oxbridge-Zögling wie Cameron schon gar nicht. Unangenehme Szenen wären zu befürchten, mit faulen Eier zu rechnen gewesen. Damit hatten die Cameron-Berater natürlich Recht. Aber darf das dazu führen, dass der britische Premierminister sich in einem Teil des von ihm regierten Landes lieber nicht blicken lässt? Dass er sich vorsichtshalber der Auseinandersetzung nicht stellt? Dass die Tories Schottland auf ewig verloren geben? Indem Cameron sich in 18 Kampagnemonaten rar machte nördlich des Hadrianswalls, akzeptierte er unter der Hand die Zweiteilung des Landes, die er doch verhindern wollte.  

Seine Schwäche zeigt sich aber auch darin, dass der unglückliche Rat überhaupt angebracht schien. Cameron gewann vor acht Jahren das Rennen um den Parteivorsitz, weil er versprach, das toxische Image der Tories zu überwinden, das die Konservative Partei als mitleidlose, macht- und geldversessene Ewiggestrige 13 Jahre lang in die Opposition verbannte. Der Versuch, sein Versprechen umzusetzen, überlebte kaum zwei Jahre. Die Finanzkrise und rechte Hinterbänkler, die sich als hartnäckiger erwiesen als ihr Parteichef, ließen es schnell in Vergessenheit geraten. Von ihrer Sozial- bis zur Umweltpolitik sind die Tories da, wo sie vor Cameron waren. Ihre beste Hoffnung, trotzdem an der Macht zu bleiben, ist die Schwäche der Opposition.  

2.) Ed Miliband ist ein außerordentlich schwacher Oppositionsführer. Das scheint auf den ersten Blick keine neue Einsicht, denn der Labourchef galt von Anfang an, nachdem er mithilfe der Gewerkschaften seinen älteren Bruder David ausgebootet hatte, als unglückliche Wahl. Dann jedoch gewann Ed langsam an Statur, beeindruckte mehrfach bei seiner jährlichen, für die britische Politikszene wichtigen Parteitagsrede, ließ Konturen eines sozialdemokratischen Programms erkennen. Vor rund einem Jahr aber schien Miliband auf einmal die Nerven zu verlieren. Verzettelte sich in populistischen Versprechen, wie dem, im Falle seiner Wahl die Energiepreise einzufrieren. Ein dirigistischer Vorschlaghammer, der wenig zu dem zuvor entwickelten sozialdemokratischen Programm passte, mochte er auch vorübergehend Labours Umfragewerten zugute kommen. In der schottischen Referendumskampagne hat Miliband peinlich versagt. Es waren vor allem Labour-Anhänger, die in den Wochen vor der Abstimmung vom Nein- ins Ja-Lager überliefen. Die schottische Labourpartei gilt als zerstritten und korrupt. Miliband hatte offenbar keinerlei Macht über sie.

3.) Weder Cameron noch Miliband haben Populisten wie Alex Salmond etwas entgegenzusetzen. Der schottische Ministerpräsident führte die beiden englischen Elite-Politiker über Monate wie Tanzbären am Nasenring herum. Salmonds Anhänger sollen sich darüber mokiert haben, wie leicht es sich mit Londoner Politikern umspringen ließ. Gefährlicher als Salmond ist der Chef der neu erstarkten rechtspopulistischen Partei Ukip, Nigel Farage. In Umfragen ist die Ukip mit deutlich über zehn Prozent längst weit vor den Liberaldemokraten zur drittstärksten Partei aufgestiegen.  Im Oktober wird Ukip dank eines Überläufers von der Konservativen Partei voraussichtlich den ersten Abgeordneten ins Unterhaus schicken. Douglas Carswell, der sein Torymandat zurückgab und jetzt als Ukip-Kandidat bei den Nachwahlen in seinem alten Wahlkreis antritt, schickt sich an, den Europafeinden den parlamentarischen Weg zu bereiten. Bei den Unterhauswahlen im kommenden Mai werden im voraussichtlich mehrere weitere UKIP-Kandidaten ins Parlament folgen. Eine Tory-Ukip-Koalition wird denkbar. Der rechte Flügel von Camerons Partei scharrt schon lange sehnsüchtig mit den Hufen.

4.) Für die Reform der Europäischen Union, die dringend nötig ist und über die in den kommenden Monaten verhandelt werden wird, sind das außerordentlich schlechte Bedingungen.Großbritannien ist nicht nur eines der größten und damit wirtschaftlich und außenpolitisch wichtigsten Mitglieder der Europäischen Union, entgegen dem Klischee vom ewigen Quertreiber hat die britische Regierung gute, bedenkenswerte Ideen für die notwendige Reform der Gemeinschaft anzubieten. Camerons Versagen angesichts der schottischen Unabhängigkeits-Kampagne lässt jedoch nichts Gutes ahnen. Erst zeigte sich der Premier über Monate ignorant, dann handelte er unüberlegt und panisch. Unbekannt ist den europäischen Partnern dieses Verhalten des Engländers nicht. Erinnert sei nur an Camerons vermeintliches Veto des Fiskalpaktes im Dezember 2011. Es mag allerdings sein, dass Camerons Tage ohnedies angezählt sind. Dass seine Partei, überdrüssig der willkürlichen Kopflosigkeit ihres Chefs, bald die Nachfolgefrage ernsthaft in die Hand nimmt. Die Bereitschaft gärt seit Langem.

5.) Was sich in Schottland in den vergangenen Wochen entwickelte, war sensationell. Vor jeder Wahl spekulieren britische Kommentatoren darüber, ob der eifrig betriebene Wahlkampf der Parteien überhaupt irgendeine Wirkung habe. Immer weniger scheint das der Fall. Die Wähler zeigen sich vom Werben ihrer Politiker unbeeindruckt, viele machen sich erst gar nicht mehr auf den Weg zur Urne. Wie anders in Schottland. Nicht nur verstand es die Ja-Kampagne, nach und nach rund zehn Prozent mehr Wähler auf ihre Seite zu ziehen, die Debatte beflügelte die Fantasie, erregte die Gemüter, betraf alle Einwohner Schottlands. 85 Prozent wurden zu aktiven Bürgern. Londons Politiker muss dieses Schauspiel wachrütteln. Cameron und Miliband müssen den engen Zirkel sich zum Verwechseln gleichender Berater aufsprengen. Und sie müssen ernsthaft zu fragen beginnen, warum es den Bürgern wichtig ist, von Politikern regiert zu werden, die sie aus der Nähe verfolgen können.

Rechenschaft auf lokaler Ebene ist das entscheidende Stichwort. Camerons Regierung hatte das vor Jahren einmal versprochen. Die ihm vorausgegangene Labour-Regierung auch. Doch bisher blieb es bei Versuchen, die am politischen Establishment scheiterten. Bisher hat Cameron das offenbar nicht begriffen. Sein panisches Versprechen, ausgelöst durch ein Umfrageergebnis, Schottland mehr Autonomie zu geben, war genau das, was er der Brüsseler Europa-Elite vorzuwerfen pflegt: undemokratisch. Zu Recht regt sich Empörung unter den Abgeordneten, die über mehr Rechte für das Regionalparlament befragt werden wollen, bevor sie der Premier sie präsidentiell verspricht. Ein erster Schritt wäre es, wenn Großbritannien nachholte, was überfällig ist: ein moderner Staat zu werden mit einer schriftlichen Verfassung. Die wäre wirklich ein Referendum wert. Daran aber müssten dann alle Briten beteiligt werden, nicht nur eine kleine Sondergruppe.