Kulturgeschichtlich dachte man immer, gerade die Schotten ließen ihre Gefühle von Argumenten bestimmen, nicht umgekehrt. Es ist ja ein hartnäckiger Irrtum, die Aufklärung stamme aus Frankreich. Nein, sie kam von den Universitäten Glasgow, Edinburgh und Aberdeen über Europa. Ohne die großen Empiristen David Hume, Adam Smith oder Adam Ferguson wäre die Welt wahrscheinlich eine erhebliche Zeit lang ein deutlich dämmrigerer Ort geblieben.

Wenn Europa Pech hat, lässt die Mehrheit der Schotten an diesem Donnerstag trotzdem ihren Gefühlen freien Lauf. Der Philosoph Hume hätte zum Referendum über die Unabhängigkeit wahrscheinlich gesagt: Tja, Emotionen sind eben auch Tatsachen, und dumm die Politiker, die sie als Argumente nicht ernst nehmen.

David Cameron, der britische Premier, hat das zu spät getan. Stoßgebetartig fleht er die Schotten im letzten Moment an: "Bitte, bleibt bei uns!" Wir geben euch auch, was ihr wollt: Noch mehr Kompetenzen, noch mehr Autonomie übers Geld. Gefühle können eben – um in der Bilderwelt der Highlands zu bleiben – das Destillat aus Erfahrungen sein, aus Überzeugungen, die nicht unbedingt ausgesprochen werden müssen, um wirksam zu werden. Bei immer mehr Europäern lautet dieses Erfahrungs- und Gefühlsergebnis offenbar: Wir hier unten wissen es besser als ihr da oben.

In Schottland fängt die Scottish National Party diese Emotion auf, in Deutschland tut es die AfD, in Katalonien die links-sezessionistische Esquerra Republicana de Catalunya. In der dortigen Autonomieregion wird am 9. November ein Referendum über die Unabhängigkeit von Madrid stattfinden, es hat allerdings keine bindende Kraft.

Man kann all diese Anti-Eliten- und Separatistenparteien schlicht als Wutsammler beschreiben, als eifersüchtige Bewacher übersichtlicher und vergleichsweise wohlhabender Lebenswelten. Man könnte ihr Gefühl, marginalisiert zu werden von den Mächtigen, aber auch ernst nehmen, um zu verhindern, dass es überhand nimmt.

Woran diese Kräfte die Politik erinnern, ist schließlich auch ein wichtiges Prinzip: Je tiefer politische Entscheidungen in die Lebenswelten von Bürgern eingreifen, desto deutlicher müssen die Verantwortlichen für diese Entscheidungen erkennbar sein. Ansonsten kennt die Wut nur den Kanal gegen ein schummriges "System" – mit dem Ergebnis, dass eine staatliche Architektur als Ganzes infrage gestellt wird. Wenn ein schottischer Viehbauer sagt, von seinen Nöten und Interessen verstehe eine Regionalregierung mehr als Beamte in Westminister oder Bürokraten in Brüssel, ist das zunächst einmal nicht abwegig.

Genau dieser Eindruck von Mächten, die entrückt vom Bürger werkeln, entfremdet die Briten insgesamt von der EU, und dieser Gedanke ist es auch, der die AfD so erfolgreich macht: Ihr kriegt nicht mehr mit, was uns wirklich sorgt.

Was ist daraus zu lernen? Vielleicht, dass Großbritannien, die EU und der Internationalismus zwar immer noch gute Einrichtungen sind. Aber dass solche größeren Einheiten nur und umso besser funktionieren, wenn sie den Bürgern die Freiheit und die Mitwirkung eröffnen, ihre Nationen so stark wie möglich zu machen – sei diese Nation nun ein Dorf, eine Region oder ein Bundesstaat. Diese Erkenntnis macht glücklicherweise gerade die Runde, nicht nur in London. Also, bitte, da oben wie da unten: Come down, calm down and carry on.