ZEIT ONLINE: Herr Najem, Sie haben kürzlich öffentlich gemacht, dass Sie den Journalismus aufgeben und ins ukrainische Parlament wollen. Dorthin, wo die Marionetten der Oligarchen sitzen?

Mustafa Najem: Ja, ich kandidiere am 26. Oktober. Ich stehe auf der Liste des Wahlbündnisses Block Poroschenko, dem des Präsidenten. Ich bin die Nummer 20.

ZEIT ONLINE: Klingt nach guten Chancen.

Najem: Man könnte sagen, es ist zu hundert Prozent sicher. Ich gehe in die Politik.

ZEIT ONLINE: Warum tun Sie sich das an? Sie haben als investigativer Journalist einen Ruf zu verlieren.

Najem: Ich war mehr als zehn Jahre Journalist und hatte in diesem Moment die Wahl: weiter kritisieren – oder versuchen, etwas zu tun. Mir ist klar, dass das extrem schwierig wird. Aber ich bin nicht alleine. Es werden eine ganze Menge Aktivisten über Listenplätze ins Parlament kommen und versuchen, dasselbe zu tun. Ich glaube, wir haben eine Chance.

Es ist ein historischer Moment für mein Land: Wir wollten den Maidan, wir wollten den Präsident neu wählen, wir wollten Parlamentswahlen. Das ist alles so gekommen. Wir, die wir auf dem Maidan waren, haben jetzt die Möglichkeit, uns in das System hineinzubegeben und die Regeln des Politikbetriebs von innen zu verändern.

ZEIT ONLINE: Und wenn der Politikbetrieb Sie verändert?

Najem: Zu mir hat niemand gesagt: Mach das mal. Es war eine gemeinsame Idee von etwa zehn Aktivisten. Das ist ganz wichtig: Wir haben nichts angeboten bekommen, wir sind niemandem etwas schuldig. Früher wurden Journalisten von Politikern dazu aufgefordert, in die Politik zu gehen. Sie waren nicht unabhängig und sind alle gescheitert.

ZEIT ONLINE: Manche Aktivisten werfen Ihnen Verrat vor.

Najem: Viele haben meine Entscheidung kritisiert. Doch haben die Leute ja nichts gegen uns, sondern sie mögen das System nicht. Wenn wir uns selbst und unsere Prinzipien verändern, dann würden sie Recht behalten mit ihrer Kritik. Gerade das treibt mich an.

ZEIT ONLINE: Stehen Sie hinter Poroschenko?

Najem: Er ist nicht ideal auf diesem Posten, war aber zum Zeitpunkt der Präsidentschaftswahl die beste Alternative. Eigentlich haben wir aber einen Oberbefehlshaber gewählt. Damals sah es so aus, als sei Poroschenko am besten gerüstet, mit dem Krieg umzugehen. Wir werden sehen, ob er es schafft.

ZEIT ONLINE: Werden Sie Poroschenko im Parlament noch kritisieren können?

Najem: Ich bin ja nicht sein Sklave! Und ich bin auch kein Parteisklave, denn ich bin kein Mitglied. Alles was ich brauche – meinen Namen, meinen Beruf und meinen Ruf – habe ich schon. Ich werde also alles kritisieren, was ich für notwendig halte.

Seit ich zum Wahlkampfteam gehöre, habe ich leider gesehen, dass die Probleme noch viel größer sind, als ich mir das vorgestellt hatte. Zum Beispiel stehen auf der Poroschenko-Liste auch Leute, die korrumpiert sind und dort nicht hingehören. Wir werden versuchen, das zu ändern.

Derzeit gibt es einfach nur ein Transportmittel in das System hinein, und das sind die Parteilisten. Wir haben aber offen gesagt und geschrieben: Wir mögen die alten Parteien nicht. Die Gesetze erlauben nur keine andere Handelsmöglichkeit. Es ist klar, dass wir andere Ziele verfolgen als sie.